Sonntag, 18. Januar 2015

[Rezension] Hüter der Erinnerung (Lois Lowry)

Titel: Hüter der Erinnerung
Autorin: Lois Lowry
Band 1 der Reihe
Verlag: dtv
Seiten: 250
Genre: Jugendbuch
Preis: 6,95€

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Klappentext:
Jonas lebt in einer Welt ohne Not, Schmerz und Risiko, aber auch ohne Musik, Gefühle und Farben. Sein ganzes Leben ist perfekt organisiert und verplant. Doch mit zwölf Jahren wird Jonas zum Nachfolger des >Hüter der Erinnerung< bestimmt und erfährt von ihm, welch hohen Preis sie alle für dieses Leben zu zahlen haben. Und Jonas erkennt, dass es seine Aufgabe sein wird, sich gegen dieses unmenschliche System aufzulehnen.

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Mit ihrem Roman Hüter der Erinnerung zeigt uns Lois Lowry ein erschreckendes Zukunftsszenario, welches zunächst gar nicht als solches zu erkennen ist. Man lässt sich ganz auf diese Welt ein, in der alles geordnet zu sein scheint. Obwohl sie uns total fremd vorkommen muss, so sind wir genauso erschrocken, als wir die Wahrheit entdecken. Erst nach diesem Entdecken versteht man, wie ausdrucksstark eigentlich The Giver ist, wie der Hüter im englischen Original genannt wird.

Das Cover würde mich auf den ersten Blick nicht besonders ansprechen. Eigentlich habe ich mir das Buch nur gekauft, weil ich bereits grob den Inhalt kannte. Das Bild passt eigentlich hervorragend zur Geschichte, aber irgendwie spricht es mich einfach nicht an.
Der Titel ist sehr ausdrucksstark und in Verbindung mit der Geschichte beweist er eine unglaubliche Tiefe. Denn der Hüter der Erinnerung, the Giver, ist der einzige in der Gemeinschaft, der Erinnerungen an die Vergangenheit hat und diese Last allein für alle anderen tragen muss.

Jonas lebt in einer Gemeinschaft, die von Regeln und Vorherbestimmungen geprägt ist. Alles scheint in Ordnung zu sein, bis er bei der großen Zeremonie zum Nachfolger des Hüters der Erinnerung bestimmt wird. Diese Ausbildung ist unglaublich hart, einsam und verlangt Mut und Stärke. Jonas muss erkennen, dass sein bisheriges Leben nur Schein war und auf einer Lüge basiert.
Kann er mit diesem Wissen seiner Familie und seinen Freunden noch in die Augen blicken? Und wie soll er dieses Wissen für sich behalten, wo es doch eine ganze Welt verändern könnte?

Bereits von Anfang an ist man in der Geschichte und der darin beschriebenen Welt und Gemeinschaft gefangen. Obwohl alles vorherbestimmt ist und man eigentlich keine eigenen Entscheidungen treffen darf, so ist mir die Welt die ganze Zeit gar nicht fremd vorgekommen. Ich konnte mich einfach fallen lassen. Es ist natürlich hart, dass die Kinder bereits mit zwölf Jahren um ihr Schicksal wissen und in welchem Beruf sie arbeiten sollen.
Jedes Jahr gibt es eine zweitägige Zeremonie, in denen die Kinder in die nächste Altersstufe geführt werden. Es gibt je nachdem immer etwas Neues zu entdecken, beispielsweise ein eigenes Fahrrad oder Praktikumsstunden, um sich auf den späteren Beruf vorzubereiten.
Zwar ist alles strikt geordnet, aber eines muss man dieser Welt lassen: Es gibt niemanden, der nur auf der faulen Haut liegt und andere für sich arbeiten lässt.

Jedoch gibt es da etwas, was mich wirklich an dieser Welt zweifeln ließ: das Freigeben. Jonas spricht oft davon, allerdings erfahren wir erst sehr viel später, was genau es damit auf sich hat. Den anderen Menschen wird vermittelt, dass das Freigeben etwas Gutes ist, etwas, das einfach zum Leben dazugehört. Beispielsweise werden alte Menschen freigegeben oder kleine Babys, wenn sie sich nicht dem Standard in ihrem Alter anpassen. Bei alten Menschen geschieht dies mit einer Abschiedszeremonie, was mir persönlich eigentlich gut gefällt. Bevor sie von Krankheit wie in unserer Welt leiden müssen, so werden sie von ihren Freunden verabschiedet, wenn es Zeit ist, zu gehen.
Bei den Babys allerdings wurde ich stutzig. Und genau deshalb, weil es auch bei Babys passiert, war mir bereits sehr früh klar, worum es sich beim Freigeben handelt. Erschreckend ist dabei nur, dass sich niemand dagegen auflehnt. Wahrscheinlich auch deshalb nicht, weil niemand ein eigenes Kind bekommen kann.

Neben den Berufen, die vorherbestimmt werden, so sind auch Familienplanungen mit einem hohen Aufwand verbunden. Es wird vom Aufsichtsrat penibel darauf geachtet, dass auch nur die Menschen eine Familie werden, die gut miteinander auskommen und keinerlei Probleme machen. Man muss erst einen Antrag auf Ehe stellen und bekommt dann einen Partner zugewiesen, der aufgrund der Eigenschaften und des Charakters dazupasst. Erst nach drei Jahren glücklicher und ereignisloser Ehe kann man einen Antrag auf ein Kind stellen. Aber jede Familie darf nur ein Mädchen und einen Jungen haben. Mehr ist nicht erlaubt.
Diese Art des Bestimmens finde ich wirklich furchtbar. Nur weil jemand einen ähnliches Charakter wie ich hat, heißt das ja nicht, dass er der perfekte Partner für mich ist. Aber vermutlich ist das eine Ansichtssache. Wenn man bereits mit diesem Wissen aufwächst, so zweifelt man nicht an der Entscheidung des Rates.

Und so auch Jonas. Als Nachfolger des Hüters der Erinnerung erwählt zu werden, ist eine außerordentliche Ehre, aber auch beängstigend. Denn der letzte Nachfolger hat die Ausbildung nicht beenden können und hatte sich freiwillig freigeben lassen.
Es ist keine Ausbildung wie jede andere, denn Jonas muss isoliert leben und darf mit niemandem darüber sprechen. Allerdings sind ihm auch einige Priviliegien eingeräumt worden, beispielsweise darf er lügen.
Interessant ist, dass er nicht nur aufgrund seiner Eigenschaften und Fähigkeiten ausgewählt wurde, sondern auch, weil er über eine besondere Gabe verfügt: Über die Dinge hinauszusehen. Schon vorher ist ihm ab und zu ein Flimmern in seinem Sichtfeld aufgefallen. Dies stellt sich später als Farbensehen heraus. Denn die Welt, in der er lebt, ist nur in schwarz-weiß gehalten. Die Menschen können keine Farben sehen. Leider wird dies dem Leser erst vor Augen geführt, als Jonas beginnt, sie zu sehen. Vorher weiß man das gar nicht.

Damit nicht wieder so eine furchtbare Katastrophe ausbricht, wie vor einigen Jahren im Krieg, so will der Rat der Gemeinschaft alles genau überwachen und ordnen. Aber um herannahende Katastrophen zu erkennen, braucht es einen Berater und dies ist der Hüter der Erinnerung. Er hat alle Erinnerungen und Szenarien der Vergangenheit ist seinem Kopf gespeichert - vom harmlosen Schlittenfahren über einen wundervollen Weihnachtsabend bis hin zum verstörenden Krieg. Er darf diese Erinnerungen zum Schutz der neu aufgebauten Welt nicht mit den anderen teilen und deshalb meist isoliert leben. Der jetzige Hüter der Erinnerung überträgt Jonas immer wieder Erinnerungen, damit diese nicht verloren gehen.
Es ist wunderbar zu sehen, wie Jonas all dies in sich aufsaugt und ein gewisses Gefühl dafür entwickelt. Denn selbst das einfach Schlittenfahren oder nur Schnee sind ihm völlig unbekannt. Natürlich sind schlimme Erinnerungen wie Krieg dementsprechend sehr schmerzhaft und verlangen all seine Stärke.
Meine absolute Lieblingsszene ist die des Weihnachtsabends. Ich mag Weihnachten total gerne und alles ganz genau und in jedem Detail präsentiert zu bekommen, hat mich sofort in Weihnachtsstimmung versetzt und es mich neu entdecken lassen.

Jonas erkennt, welche Last der Hüter der Erinnerung tragen muss und was passieren kann, wenn diese Erinnerungen an die Öffentlichkeit gelangen. Obwohl ich eigentlich überhaupt nicht religiös bin, so hatte ich sofort einen Vergleich zur Bibel ziehen können. Der Hüter der Erinnerung ist fast eine Jesus-Figur in dieser Welt, denn er nimmt die Last von den Schultern der Menschheit und trägt all ihre Fehler in seinem Kopf. Er teilt diese Last mit niemandem außer seinem Nachfolger. Er weiß um die Fehlerhaftigkeit der Menschen und dass es nicht gut ist, sie so isoliert wie in einer rosaroten Blase zu halten. Aber offenbar funktioniert es.
Für Jonas jedoch ist das Leben in der Gemeinschaft mit seinem neuen Wissen nicht mehr lebenswert. Er erkennt, wie schlicht und unsinnig sein bisheriges Leben gewesen ist.

Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen, weil sie viele Aspekte über das Leben und die Lebensfreude allgemein beinhaltet und wie wichtig es ist, zu wissen. Aber die Menschen fühlen sich wohl in ihrer Haut, weil sie eben nicht wissen, wie es anders sein könnte.
Zwei kleine Kritikpunkte habe ich jedoch schon anzubringen: Die Zeit von Jonas Ausbildung verfliegt so schnell - plötzlich ist ein Jahr vergangen, aber man hat kein einziges zeitbeschreibendes Wort im Text finden können. Nach meinem Empfinden sind erst wenige Wochen vergangen.
Und dann ist da noch das Ende. Obwohl es einen relativ großen Interpretationsspielraum lässt, so hätte ich mir lieber einen klaren Schnitt gewünscht. So weiß man nun wirklich nicht, woran man ist.

Hüter der Erinnerung ist ein erschreckender Roman über die Zukunft, in der man ohne Farben, Gefühle, aber mit vielen Regeln und Vorherbestimmung leben muss. Das Fehlen an Wissen, dass nur der Hüter der Erinnerung als Last tragen muss, macht das Leben so schlicht und einfach. Aber von außen betrachtet ist es einfach nur grausam.

4 Marshmallows

 Die Wände dieses Raumes hier bestanden nur aus Bücherregalen, die bis zur Decke reichten und die mit Büchern vollgestellt waren. (S.105)

"Es geht dir um die Möglichkeit, eine Entscheidung treffen zu können, nicht wahr?" (S.137)

Sie alle führten ein gewöhnliches Leben ohne unliebsame Vorkommnisse, ohne Ängste, weil er - und vor ihm andere - auserwählt worden war, um ihre Last zu tragen. (S.169)

"Das Schlimmste für einen Hüter der Erinnerungen ist nicht der Schmerz. Es ist die Tatsache, dass man als Hüter isoliert leben muss. Dabei sollte man Erinnerungen mit jemandem teilen können." (S.214)

1 Kommentar:

  1. Eine sehr ausführliche Rezi, mir fast schon ein bisschen zu ausführlich. Prinzipiell würde mich dieses Buch ansprechen, aber ich finde es blöd, dass es eine Reihe ist, Reihen gibt es mir mittlerweile einfach zu viele.

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