Samstag, 27. Dezember 2014

[Rezension] Eine wundersame Weihnachtsreise - Corina Bomann

Marion von Schröder Verlag | 236 Seiten | Hardcover | 14,00 € | Kaufen

Eigentlich kann Anna Weihnachten nicht ausstehen. Doch in diesem Jahr will sie mit der Familie feiern. Und so setzt sie sich in den Zug nach Berlin. Was folgt, ist ein unvorhergesehener Roadtrip der verschneiten Art: Nichts geht mehr, Anna muss sich mit Schneepflug und per Anhalter durchschlagen, und überall läuft in Dauerschleife "Last Christmas". Auf ihrer Odyssee begegnet sie aufmüpfigen alten Damen, einem lebensklugen LKW-Fahrer und einem Haufen Hippies. Doch so unterschiedlich diese Menschen auch sind, sie alle verbindet an diesem Tag das eine: Es ist Weihnachten.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

"Das ist eben der Geist der Weihnacht, der macht die Herzen der Leute weich."(S.12), philosophiert Frau Hallmann, die alte Dame, um die sich Anna hin und wieder kümmert. Im Grunde hat sie damit vollkommen Recht: Die Menschen werden zu Weihnachten in eine andere Stimmung versetzt.
Auch wenn es nicht immer etwas mit dem eigentlichen Sinn und Zweck von Weihnachten zutun hat - nämlich der Geburt Jesus Christus. Aber es scheint alles zu passen: Es gibt Weihnachtsmärkte mit leckerem Essen und Getränken, die Schaufenster sind festlich geschmückt und mit ein bisschen Glück fällt sogar eine Menge weißer, glitzernder Schnee. Alle freuen sich auf die Festtage, an denen sie Zeit mit ihrer Familie verbringen können. Alle bis auf Anna. Sie ist Literaturstudentin in Leipzig. Ihre Mutter lebt mit neuem Mann und Sohn in Berlin. Das Familienverhältnis ist relativ kühl, da es zwischen Anna und ihrem Stiefvater Gerd immer wieder Streit gibt. Deshalb war Anna schon seit Jahren nicht mehr an Weihnachten zu Hause, sondern sonnte sich lieber auf Mallorca. Aber in diesem Jahr soll alles anders kommen: Ihr Bruder Jonathan wünscht sich ihre Anwesenheit so sehr, dass Anna über ihren Schatten springt und kurzerhand ein Zugticket nach Berlin kauft.

Die Reise stellt sich allerdings als weihnachtliche Katastrophe heraus, die Anna auf den allzeit beliebten Weihnachtssong Last Christmas zurückführt. Immer wenn dieser Song im Radio läuft, passiert garantiert irgendetwas, was sie dazu zwingt, die Reise zu unterbrechen.
Nun aber zum Anfang: Anna ist mir eigentlich ein recht symphatischer Mensch. Sie steht auf eigenen Beinen und liebt Bücher - weshalb sie allem anderen ein Studium über Literatur vorzog. Doch leider hasst sie Weihnachten. Sie muss nur in die Nähe eines geschmückten Schaufensters kommen und schon könnte sie an die Decke gehen. Ganz zu schweigen von den Weihnachtsmärkten und dem Duft nach Glühwein und Bratwurst. Ihre Sichtweise auf die vorweihnachtliche Zeit kann ich durchaus nachvollziehen - die Menschen sind hektisch, müssen unbedingt viele Geschenke und das beste Essen besorgen, sodass der Weihnachtsabend perfekt ist. Sie müssen, sie müssen, sie müssen. Ehrlich gesagt, ist es tatsächlich so, aber Anna sieht bei alldem nur die negative Seite. Sie will nicht sehen, warum die Menschen diesen ganzen Aufwand betreiben. Sie wollen ein perfekten Fest im Kreise der Familie feiern. Auch wenn an Weihnachten die materielle Bedeutung immer mehr zunimmt, so sind doch die Menschen und ihre Gefühle das Wichtigste.


Annas wundersame Weihnachtsreise beginnt, als sie im Zug nach Berlin einschläft und plötzlich an der Endstation auf Rügen erwacht. Alles ist tief verschneit und die Chance innerhalb des nächsten Tages mit einem fahrbaren Untersatz fortzukommen, ist gleich null. Doch Anna findet ihr Glück spätabends in einer kleinen Stadt. Karl Hansen, ein sehr netter Schneepflug-Fahrer, nimmt sie mit bis zur Überseebrücke. Denn er ist einer derjenigen, die an Weihnachten hart schuften müssen, sodass andere Menschen zu ihren Familien fahren können. Auf dieser ersten Etappe ihrer Reise wird Anna auch zum ersten Mal nachdenklich.
Nach und nach findet Anna ihren Weg Richtung Berlin, auch wenn sie zwischenzeitlich der Verzweiflung nahe ist. Ein Student nimmt sie in seinem Auto mit, doch dieses gibt nach einigen Kilometern den Geist auf. In der Raststätte trifft sie auf drei alte Damen, die sie liebevoll Flieder, Rose und Butterblume nennt, die von ihrer Reisegruppe vergessen worden sind. Ein polnischer LKW-Fahrer, der sie freundlicherweise mitnimmt, wird vom Zoll kontrolliert und aufgrund nicht eingehaltener Ruhezeiten zum neunstündigen Schlaf verdonnert. Schließlich landet sie im Bus einer Hippie-Gruppe.
All diese Begegnungen sind offenbar wahllos zusammengewürfelt, doch eines haben die Menschen gemeinsam: Sie lieben Weihnachten und bringen Anna dazu, darüber nachzudenken, warum sie Weihnachten so sehr hasst und was sie dagegen tun könnte.

Die Geschichten und Ansichten der Charaktere haben sie so lebendig gemacht, sodass ich manchmal das Gefühl hatte, mittendrin zu sein. Aufgrund des Schreibstils der Autorin ist die Geschichte sehr leicht zu lesen, sodass man sich einfach hineinfallen lassen kann. Die Geschichten fesseln einen regelrecht. Besonders gut haben mir die drei alten Damen an der Raststätte gefallen. Sie erzählten von ihren schönsten Weihnachtsfesten aus der Vergangenheit und wie es ihnen in der Gegenwart im Seniorenheim ergeht. Obwohl sie sich dort nicht besonders wohlfühlen und nur von ihren Kindern abgeschoben worden sind, kann man ihnen kein trauriges Gefühl nachsagen. Sie haben sich gefunden, sie fühlen sich jung und leben das auch aus. Die Damen haben nicht nur Anna, sondern auch mich nachdenklich gemacht. Im weiteren Sinne geht es an Weihnachten um die Familie und diese sollte man nicht nur zu den Festtagen lieb haben und besuchen. Man sollte auch das ganze restliche Jahr an seine Familie denken. Weihnachten ist das Fest der Liebe, ja, aber dennoch muss es nicht die einzige Zeit der Liebe für die Familie sein.
Das merkt auch Anna, als sie endlich bei ihrer Familie in Berlin ankommt und von Freude und Glück durchströmt wird. Weihnachten mag zwar auch bei vielen eine Zeit des Streitens sein, aber sie ist auch eine Zeit des Versöhnens und Vergebens.

"Genaugenommen verändert man sich gar nicht so sehr, wenn man alt wird, man glaubt nur, dass man sich verändern muss, aber das ist falsch." (S.126)



Mit ihrer Geschichte hat uns Corina Bomann eine relative leicht Lektüre gegeben, die sehr viel Tiefe hat und die einen über Weihnachten nachdenken lässt. Zwar stimme ich mit Anna dahingehend überein, dass die Menschen in dieser Zeit vielleicht wirklich gestresster sind als sonst, aber dass man sich einfach auf die positiven Aspekte konzentrieren sollte und auf die Dinge, die einem Freude machen. Ich liebe die Weihnachtszeit, weil alles schon geschmückt ist. Ich liebe die Weihnachtsmärkte und die Stimmung, die auf ihnen herrscht. Ich liebe Schnee, wenn er denn hierzulande mal fällt.
Die Dunkelheit im Winter mag viele Menschen vielleicht depressiv und aggressiv machen, aber ich liebe einfach die vielen Lichter, die die Dunkelheit aufbrechen. Aber manchmal gibt es eben Pessimisten wie Anna. Ihr entgegen gibt es aber genügend andere Menschen, die sie vom Gegenteil überzeugen - wie wir auf ihrer Weihnachtsreise gesehen haben. Sie hat nicht nur ihren Glauben und ihre Freude an Weihnachten zurückgewonnen, sondern die Freude am Leben und achtet nicht mehr so penibel auf negative Kleinigkeiten. Dazu gibt es auf der Welt zu große Probleme. Die Freude am Kleinen ist eben das Entscheidende für die ganze Einstellung eines Charakters. Anna hat das durch ihre Reise verstanden und schätzen gelernt.

5 Marshmallows

1 Kommentar:

  1. Uii, ein winterlicher Roadtrip!
    Jetzt möchte ichs auch lesen... =/ Aber nächste Weihnachten ganz bestimmt *ganz fest vornehm*
    Tine ♥

    AntwortenLöschen