Samstag, 26. Juli 2014

[Rezension] Die Wanderhure (Iny Lorentz)

Titel: Die Wanderhure
Autorenpaar: Iny Lorentz
Band 1 der Wanderhuren Saga
Verlag: Droemer Knaur
Seiten: 607
Genre: Historischer Roman
Preis: 10,99€

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Klappentext:
Konstanz im Jahre 1410: Als Graf Ruppert um die Hand der schönen Bürgerstochter Marie anhält, kann ihr Vater sein Glück kaum fassen. Er ahnt nicht, dass es dem adeligen Bewerber nur um das Vermögen seiner künftigen Frau geht und dass er dafür vor keinem Verbrechen zurückschreckt. Marie und ihr Vater werden Opfer einer gemeinen Intrige, die das Mädchen zu Stadt hinaustreibt. Um zu überleben, muss sie ihren Körper verkaufen. Aber Marie gibt nicht auf...
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 Marie schlüpfte schuldbewusst in die Küche zurück und versuchte, unauffällig wieder an die Arbeit zu gehen.

Mit einem detailreichen und gut ausgeführten Roman entführt uns das Autorenpaar Iny Lorentz ins fünfzehnte Jahrhundert, in eine Zeit, in der Ehre, Besitz und Vermögen alles sind. Wir werden Zeuge einer gemeinen Intrige, die nicht nur das Leben einer jungen Frau zerstören sollte, sondern das Leben vieler anderer Menschen berührt und verändert.

Das Cover gefällt mir sehr gut! Durch die verschiedenen Farben wirkt es sehr ansprechend, allerdings muss man sich dazu auch die Bedeutung der Farben ins Gedächtnis rufen: Denn die gelben Bänder am Kleid der Frau kennzeichnet sie öffentlich als Hure und somit als rechtslos.
Der Titel geht genauer darauf ein, was uns im Roman erwartet und wie die Protagonistin von nun an ihr Dasein fristen muss, um nicht zu verhungern.

Konstanz im Jahre 1410: Marie Schärer wächst sehr behütet bei ihrem wohlhabenden Vater auf. Dieser kann sein Glück kaum fassen, als der Grafensohn und Bastard Ruppert von Keilburg um ihre Hand anhält. Allerdings geschieht in der Nacht vor der Hochzeit das Unglaubliche. Marie wird der Unzucht beschuldigt, im Verließ brutal geschändet und am nächsten Tag zur Auspeitschung und Verbannung aus ihrer Heimatstadt verurteilt. Halb tot wird sie von der Wanderhure Hiltrud aufgelesen, die sie gesundpflegt, ihr aber gleichzeitig auch klarmacht, dass ihr Leben als Bürgerstochter vorbei ist und sie ihren Unterhalt mit dem Verkaufen ihres Körpers verdienen muss. Vom Rachegedanken angetrieben, stellt sich Marie ihrem Schicksal.

Das Buch stand schon lange auf meiner Wunschliste, allerdings habe ich mich auch nach dem Anschauen der Verfilmung nicht so recht an die Lektüre getraut. Doch vor ein paar Wochen wollte ich es einfach versuchen und kaufte mir den Bestseller. Von vornherein kann ich euch sagen: Das Buch enthält sehr viel weniger Sexszenen als im Film und außerdem werden diese nicht sehr detailreich ausgeschmückt, im Grunde ist ein "Er drang in sie ein." das "Schlimmste", was uns dabei erwartet. Die Unmenschlichkeit und Brutalität erfahren wir auf eine ganz andere Weise. Iny Lorentz bringt uns den Zeitgeist und das Leben der Wanderhuren zu dieser Zeit sehr gut näher und obwohl wir diese Frauen heute auch noch ablehnen, so konnte man ihre Lage damals sehr gut nachvollziehen und sie einfach nur wütend verfolgen.

Marie wird als engelsgleiches Geschöpf beschrieben, dass wohlbehütet bei seinem Vater aufwächst. Obwohl ihr eine arrangierte Ehe nicht besonders zusagt, so ist sie doch ehrfürchtig gegenüber ihres Bräutigams Ruppert. Dieser allerdings war mir schon von Anfang an unsymphatisch, da er keinerlei Interesse an Marie zeigt, sondern nur an dem Vermögen ihres Vaters. Denn er wird im Erbe seines eigenen Vaters, Graf von Keilburg, nicht bedacht - er ist nur ein Bastard und liegt deshalb weit hinter seinem Halbbruder Konrad zurück. Aus solchen Gründen eine Heirat einzugehen, ist sehr falsch, aber damals galten nun einmal Besitz und Vermögen als das Wichtigste, was man erreichen konnte und Ruppert ist auf diesem Pfad sehr ernsthaft und konsequent. Umso furchtbarer ist es jedoch, dass er sich das Vermögen nicht einfach aneignet, sondern Marie und ihren Vater durch eine gemeine Intrige auf dem Weg zurücklässt. Marie wird der Unzucht beschuldigt und von seinen drei Handlangern im Verließ brutal geschändet. Nun kann er aufgrund des unterschriebenen Ehevertrages Anklage gegen ihren Vater erheben, da er ihre eine reine Jungfrau versprochen hat. Niemand glaubt Marie, dass sie vor dieser Nacht noch das reinste Geschöpf in Konstanz gewesen ist. Über die Einstellung der Menschen in der damaligen Zeit kann man wirklich nur den Kopf schütteln. Im Zweifel für den Angeklagten kannte man nicht und so konnte man wild jeden der Unzucht beschuldigen, hier und da Bestechungsgelder fließen lassen und schon wird ein junges Mädchen ausgepeitscht und aus der Stadt vertrieben, obwohl ihm furchtbares Unrecht widerfahren ist.

Marie wird von der Wanderhure Hiltrud gefunden, die sie gesundpflegt. Hiltrud ist ein wunderbares Beispiel für einen Menschen, dem Unrecht widerfahren ist, aber das Beste aus seiner Situation macht. Wenn man einmal eine Hure ist, so kann man sich niemals wieder einem höheren Stand anschließen und somit bleibt man immer rechtslos. Aber sie lässt sich nicht hängen und verkauft sich nicht an jeden Mann, der dahergelaufen kommt. Sie achtet immer auf Sauberkeit und lässt sich im Voraus bezahlen. Zudem sucht sie sich ihre Freier selbst aus, sodass absolut notgeile Böcke ihr fernbleiben. Das Leben ist hart, aber sie kommt zurecht.
Als Marie erkennt, welches Gewerbe Hiltrud führt, ist sie total abgeschreckt. Immerhin hat sie durch ihre Schändung ein furchtbares Trauma erlitten. Nie im Leben würde sie so etwas tun. Aber Hiltrud gibt ihr auch sehr deutlich zu verstehen, dass sie sie nicht durchfüttern kann. Marie muss selbst anfangen, zu arbeiten.
Diese Situation stelle ich mir unglaublich schwer und grausam vor. Man wird verleumdet, geschändet und vertrieben und muss sich dann noch überwinden, sich fremden Männern hinzugeben, um sich Abendessen kaufen zu können. Viele Mädchen, denen so etwas passiert ist, halten dieses Leben nicht lange durch und sterben früh oder bringen sich selbst um.

Interessant finde ich den Wandel Maries. Sie macht wirklich eine große Entwicklung durch, die wir leider nicht miterleben können, denn innerhalb eines Abschnittes, in dem sich Marie dazu entschließt, die Arbeit als Hure aufzunehmen, vergehen plötzlich drei Jahre. Danach ist Marie nicht mehr wiederzuerkennen. Sie hat sich damit abgefunden, eine rechtslose Hure zu sein und dennoch hat sie viel von Hiltrud gelernt: Sie sucht sich ihre Freier aus und achtet darauf, dass ihr keine Gewalt angetan wird. Jedoch ist in einer solchen Lage zu differenzieren, was man unter Gewalt versteht. Ich finde, dass einer Hure, die sich jedem Mann hingeben muss, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, immer Gewalt angetan wird.
Marie ist selbstbewusst, frech und aufmüpfig geworden. Und doch hat sie nach diesen drei Jahren ihr Ziel nicht aus den Augen verloren - im Gegenteil, es treibt sie jeden Tag an, damit sie mit ihrem Gewerbe nicht wahnsinnig wird. So seltsam das auch klingen mag, sie wirkt wie eine professionelle und angesehene Hure - soweit man das überhaupt sagen. Damals zu dieser Zeit gab es sehr viele Huren - manche von ihnen nehmen jeden Mann an, auch wenn dieser sie kaum bezahlen kann. Sie sind verzweifelt. In Städten sind sie nicht gerne gesehen und zudem müssen sich viel zu hohe Steuern zahlen. Sie müssen ein Vielfaches des Preises für Lebensmittel bezahlen und da wundert sich noch einer, warum Huren nicht aus ihrem Stand herauskommen? Sie denken immer nur von einem Winter zum nächsten und ob sie genügend Geld und Vorräte haben, um diesen zu überstehen.

In einem Herbst eröffnet sich Marie eine Chance, ihre Rache zu üben und dies soll ein entscheidender Moment in ihrem Leben werden: Mechthild von Arnstein ist schwanger und sucht für diese Zeit eine hübsche Hure, die ihren Mann im Bett versorgen kann. Ihre Wahl fällt auf Marie, da sie durch ihr engelsgleiches Aussehen mit Abstand die hübscheste Hure weit und breit ist. Gemeinsam mit Hiltrud verbringt sie den Winter auf Burg Arnstein und lebt so gut wie lange nicht mehr. Sie bekommen Essen, Kleidung, ein warmes Bett und Marie muss dafür nur einem einzigen Mann das Bett warmhalten. Allerdings macht die Gesellschaft von hohen Herren auch klar, wie niedrig die beiden eigentlich stehen. Man wirft Huren immer vor, dass sie mit einer schnellen Nummer einige Pfennige abgreifen wollen.
Die schlechte Behandlung, die Marie immer wieder auf ihren Reisen erfährt, hat mich wirklich wütend gemacht. Zum Einen werden Huren nur als Ware angesehen, zum Anderen sind sie rechtslos und müssen unterwegs aufpassen, dass sie keiner Söldnergruppe über den Weg laufen, denn das kann sehr böse enden (das erleben wir auch einmal im Buch). Bestimmt gibt es die ein oder andere Frau, die sich freiwillig auf dieses Leben eingelassen hat, aber die meisten sind dort hineingerutscht - wie Marie durch Intrigen und Vorwürfe oder wie Hiltrud, die von ihrem armen Vater an einen Hurenwirt verkauft wurde. Ist es denn so viel wichtiger, für eine kurze Zeit etwas Geld zu haben, als seine eigene Tochter für immer in den Stand einer Hure abzuschieben? Niemand, absolut niemand kann mir erzählen, dass das ein Leben ist, was man ersehnt oder mit dem man klarkommt. Selbst die kontrollierte Hiltrud verliert manchmal die Fassung.

Durch einige Zufälle, aber auch durch das Zutun Mechthilds von Arnstein, gerät Marie in die hohen Kreise und erhofft sich dadurch einen Vorstoß bei ihrer Rache gegenüber Ruppert. Er muss einfach seine Strafe für all seine Vergehen bekommen, denn die Intrige an Marie und ihrem Vater ist nur ein kleiner Punkt in seiner Strafakte. Wegen seiner Sucht nach Besitz und Macht stürzt er fast das gesamte Süd-West-Deutschland in eine Fehde, obwohl er nur Papiere gefälscht hat und die wichtigsten Leute hintergeht.
Insgesamt glaube ich, dass Iny Lorentz das Leben von Huren in der damaligen Zeit sehr authentisch widergegeben haben. Das Einzelschicksal von Marie ist natürlich ausschlaggebend für die Geschichte, allerdings bleibt das Geschehen nicht allein daran haften. Wir erfahren auch viel über die historischen Umstände damals und die Schicksale anderer Charaktere. Sehr wichtig ist jedoch, dass wir erfahren, wie damals mit Huren umgegangen wurde. Immerhin waren sie ein wichtiger Teil der Gesellschaft, auch wenn sie nicht als das angesehen wurden. Wer sollte all die Männer denn sonst befriedigen?! Und doch werden sie so schlecht behandelt. Die hohen Preise und Steuern, die nur Huren bezahlen mussten, gaben ihnen überhaupt keine Chance, sich genügend anzusparen, um vielleicht aus diesem Leben auszutreten. Allerdings sieht man auch an einigen Beispielen, dass dies von anderen wieder verhindert wird. Wer einmal eine Hure war, der kam nie wieder davon los.

Die Wanderhure ist ein Roman, der sehr offen und authentisch zeigt, wie es den Huren damals ergangen ist und welch schlechtes Leben sie hatten. Das Einzelschicksal von Marie setzt noch einmal einen obendrauf und die Gier ihres ehemaligen Bräutigams Ruppert wird mit vielen historischen Ereignissen in Verbindung gebracht, was erschreckend ist. Die Gier eines einzelnen Mannes konnte damals das Leben vieler Menschen zerstören.

5 Marshmallows

Kommentare:

  1. Hi Dani,

    eine tolle Rezi die mir unglaubliche Lust auf das Buch macht. Bei mir subt es nämlich noch ^^;

    Lg
    Micha

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  2. Ich fand das Buch damals toll und finde, dass keines der nachfolgebücher des Autorenpaares and "Die Wanderhure" anschließen kann! Die Verfilmung war allerdings ein Graus!!!!
    Liebe Grüße
    Martina

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