Dienstag, 18. März 2014

[Rezension] Es wird keine Helden geben (Anna Seidl)

Titel: Es wird keine Helden geben
Autorin: Anna Seidl
Einzelband
Verlag: Oetinger
Seiten: 252
Genre: Jugendbuch
Preis: 14,95€

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Klappentext:
Man kann die Angst riechen. Man kann nach ihr greifen. Er ist unter uns. Wir können sie hören, die Schüsse. Sie sind laut. Viel zu laut.
Ein völlig normaler Schultag. Doch kurz nach dem Pausenklingeln fällt der erste Schuss. Die fünfzehnjährige Miriam flüchtet mit ihrer besten Freundin auf das Jungenklo. Als sie sich aus ihrem Versteck herauswagt, findet sie ihren Freund Tobi schwer verletzt am Boden liegen. Doch für Tobi kommt jede Rettung zu spät, und Miriam verliert an diesem Tag nicht nur ihr bislang so unbeschwertes Leben...
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 Alles wird damit beginnen, dass ich verschlafe.

Ein völlig normaler Tag im Leben eines jeden Schülers: Man steht auf und beeilt sich, um pünktlich zum Unterricht zu kommen. Man ahnt aber nicht, dass vielleicht heute ein solcher Tag sein könnte, an dem man nicht mehr nach Hause kommen wird. Oder dass man als jemand ganz anderes zurückkommt. Ein Amoklauf verändert und das zeigt dieser Roman von Anna Seidl.

Das Cover erregt natürlich sofort die Aufmerksamkeit. Die großen Buchstaben in Schwarz und Rot schreien uns geradezu an. Allerdings wirkt es auch fast etwas erschlagend. Die Farbkombination gefällt mir sehr gut.
Der Titel regt zum Nachdenken an. Was möchte uns die Autorin damit sagen? Besonders in Verbindung mit dem Klappentext ist man sehr neugierig, in welche Richtung die Geschichte umschlägt und wie die Autorin ihre Meinung durch die Charaktere an den Leser bringt.

An Miriams Schule gibt es einen Amoklauf. Sie kennt den Täter. Ihr Freund Tobi wird erschossen und einige Schüler und Lehrer sterben. Die ganze Stadt ist schockiert, die Betroffenen wie erstarrt. Aber wie geht es weiter? Miriam versinkt in einem Loch und will sich von niemandem mehr helfen lassen. Sie zieht sich immer mehr zurück und es scheint, als ob sie und ihre Freundinnen nie wieder zurück ins Leben finden könnten...

Das Thema Amoklauf macht mich immer traurig und wütend zugleich. Durch die Medien erleben wir nur aus der Ferne, was passiert und wer der Täter ist. Aber dann ist es fast wieder vergessen. Ein Ereignis, welches sich tief in die Gedanken der Betroffenen gräbt und sie traumatisiert. Anna Seidl zeigt sehr authentisch, wie es danach weitergeht und wie unterschiedlich die Betroffenen damit umgehen. Anhand der Charaktere stellt sie die verschiedenen Reaktionen dar, die alle sehr authentisch sind. Ich persönlich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie ich darauf reagieren würde. Würde ich mich total zurückziehen oder eher mit Verwandten und Freunden darüber sprechen? Würde ich in Depressionen versinken und nie wieder in mein altes Leben zurückfinden?

Am Anfang der Geschichte war ich eher skeptisch, da mir Stimmung und Gefühle von Miriam eher fern erschienen. Ihre Angst und Panik kamen nicht wirklich bei mir an und obwohl ich mir sehr gut vorstellen kann, dass man in einer solchen Situation panisch davonläuft oder sogar ausrastet, so blieb die Geschichte erst einmal auf Distanz. Als der Amoklauf beendet wurde und Miriam mit ihrer Familie nach Hause ging, sprudeln die Gefühle jedoch über und ab diesem Moment war ich voll und ganz in der Geschichte.
Miriam distanziert sich komplett von ihren Freunden und ihrer Familie. Sie schließt sich in ihrem Zimmer ein, isst nicht und redet mit niemandem. Immer wieder betont sie, dass keiner nachempfinden kann, was ihr widerfahren ist: Sie sah, wie der Täter ihren Freund erschoss und sogar wie er mit erhobener Waffe auf sie zukam. Sie macht im Laufe der Geschichte mehrere Phasen durch, die alle sehr authentisch beschrieben sind. Nachdem sie sich wieder zum Duschen und Essen aus dem Zimmer traut, marschiert sie kurzerhand zum Friseur und ersetzt ihre blonde Mähne gegen einen roten Kurzhaarschnitt. Sie möchte mit dem Amoklauf abschließen und dazu gehört für sie auch eine äußerliche Veränderung.
Ihre Wut ist verständlich, aber wochenlang lässt sich überhaupt nicht mit sich reden. Sie braucht eben Zeit. Und das versteht ihre Familie nicht. Sie versuchen sofort, auf sie einzureden und ihr irgendwie zu helfen. Aber sie brauchte einfach nur etwas Zeit für sich allein, bis sie mit jemandem redet.

Aber später wird auch klar, dass sie all dies besser mit ihren Freundinnen gemeinsam bewältigt hätte. Denn jede von ihnen reagiert anders auf den Amoklauf und sie entwickeln sich sehr auseinander. Eine Freundin von Miriam spricht mit niemandem und hat sich komplett aus dem Leben zurückgezogen und versinkt in Depressionen.
Miriam vermisst auch ihren Freund Tobi unheimlich. Mehrmals täglich ruft sie auf seinem Handy an, damit die Mailbox anspringt und sie seine Stimme hören kann. Doch bald sieht sie ein, dass sie loslassen muss. Er kommt nicht mehr wieder. Das ist eine Tatsache, die nur sehr schwer zu verkraften ist, aber Miriam muss sich damit abfinden. Lieber erinnert sie sich an die schönen Momente, die sie gemeinsam hatten.
Speziell in ihrer Familie kommt allerdings noch eine weitere Komplikation hinzu, die Miriam fast in den Wahnsinn treibt: Ihre Mutter verließ sie und ihren Vater vor einigen Jahren und hat sich nur zum Geburtstag mit einer Postkarte gemeldet. Und nun steht sie plötzlich in der Tür und will die wunderbare Mutter spielen, die ihre von einem Amoklauf aus dem Leben geworfene Tochter unterstützt. Irgendwie war ich deshalb auch sehr wütend. Aber man merkt ihrer Mutter an, dass sie es wirklich versucht und nach und nach finden die beiden sogar wieder näher zueinander.

Nachdem sich Miriams Verhalten etwas gebessert hat und sie sogar mit einer Therapeutin darüber spricht, gerät sie aber in eine neue Phase. Nach ein paar Wochen muss sie wieder in den Unterricht, der nun in Containern stattfindet und dabei entsteht natürlich auch ein Austausch mit ihren Mitschülern. Dadurch macht sich auch die Frage der Schuld breit. Der Amokläufer war ein ehemaliger Klassenkamerad von ihnen, der ständig gemobbt wurde. Nun stellt sich ihnen die Frage ob sie nicht selbst Schuld daran sind, dass er auf sie geschossen hat. Ich kann schon verstehen, dass sie sich diese Fragen stellen, allerdings kann man Hänseleien und Mobbing entgegenwirken oder sich zumindest Hilfe holen und man muss nicht gleich zur Waffe greifen.
Das ist auch etwas, was ich bei realen Amokläufen einfach nicht verstehen kann. Es gibt genügend Wege, sich helfen zu lassen. Aufgrund der ganzen Ermittlungen weiß man auch, dass die Täter nicht spontan und aus einem Impuls heraus zur Waffe greifen - sie planen es. Und bis zu diesem Punkt muss sich eine Menge Wut und Hass angesammelt haben. Aber es kann nicht sein, dass sich diese Gefühle Monate oder sogar Jahre anstauen, in denen niemand etwas mitbekommt oder sich der Betroffene nicht helfen lässt. Vielleicht ist das eine Einstellungssache, aber ich würde mich durch Mobbing nicht unterkriegen lassen. Gerade dann muss man Stärke zeigen und wenn man diese nicht von Natur aus hat, kann man sie sich aneignen. Aber auf keinen Fall sollte man all dies hinunterschlucken und einfach nur über sich ergehen lassen. Die Täter tragen den größten Teil der Schuld. Das hat auch nichts mit Angst oder Schüchternheit zutun. Wenn man sich nicht wohlfühlt, muss man darüber sprechen und nicht irgendwann seine Probleme mit Gewalt lösen - denn offensichtlich kann man sie damit nicht lösen.

Es wird keine Helden geben, so betitelt Anna Seidl dieses berührenden und aufwühlenden Roman. Denn auch aus Miriams Sichtweise erfahren wir, dass man in einer solchen Situation nur an sich selbst denkt. Warum auch nicht? Warum sollte man sich im Kreuzfeuer vor einen Mitschüler werfen, wenn man dabei stirbt? Das ist eigentlich eine ziemlich egoistische Ansicht, aber ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich auch lieber verstecken würde - auch allein - um ja nicht erwischt zu werden. Ob ich in dieser Situation jemand anderem helfen würde, kann ich bei bestem Willen nicht sagen. Jeder versucht, seine eigene Haut zu retten.
Und auch nach dem Amoklauf gibt es keine Helden. Niemand steht auf, trommelt alle zusammen und sagt, dass sie dieses Grauen schon gemeinsam bewältigen werden. Außer den Lehrern vielleicht, aber von ihnen wird so etwas einfach schon erwartet.
Wir erleben es ja, dass sich Miriam total zurückzieht und auch nicht auf ihre Freundinnen eingeht, bis ihr Zustand sich etwas bessert. Deshalb ist ihr Schock auch groß, als sie sieht, was der Amoklauf aus ihnen allen gemacht hat. Jeder würde deshalb auf die Knie sinken, aber es ist wahre Stärke, dass man nach einiger Zeit wieder aufsteht. Nicht allen gelingt das und man muss wirklich darum kämpfen. Nicht einmal von einer geliebten Familie kann man sich helfen lassen. Den ersten Schritt muss man ganz alleine gehen, erst dann ist eine helfende Hand von Nöten.

Anna Seidl wollte uns mit dem Roman gewiss nicht zeigen, dass man sich nach einem Amoklauf zurückziehen und für sich allein bleiben muss. Sie wollte uns auch bestimmt nicht zeigen, dass die Menschen total egoistisch sind.
Aber sie will klarmachen, dass in grausamen Situationen kein Mensch ein Held sein wird und dass es auch keine Helden geben muss, um sich wieder aufzurichten und wieder ins Leben zu treten.
Sie zeigt mehrere Wege, die man als Opfer gehen kann und dass es auch in Ordnung ist, wenn man sich eine Weile zurückzieht und sich die Haare abschneidet, um damit abzuschließen.

Es wird keine Helden geben ist ein berührender Roman, der uns die Nachwirkungen eines Amoklaufes und die verschiedenen Reaktionen darauf zeigt. Anna Seidl weist einen Weg zurück ins Leben, der lang, steinig, aber auch erleichternd sein kann. Denn niemand muss sich verkriechen, wenn etwas Grauenvolles passiert ist, man hat immer Hilfe und einen Sinn, wieder aus dem Schneckenhaus herauszukommen.

4 Marshmallows

Ich frage mich, ob es ihm wohl gefallen würde, wenn er wüsste, wie sehr er uns quält. Falls es nach dem Tod noch weitergeht, sitzt er vielleicht irgendwo und lacht, weil ich nicht schlafen kann. (S. 38)

Ich wurde doch nicht geboren, nur um in die Schule zu gehen und später einmal zu arbeiten. Da muss doch mehr dahinterstecken. Etwas Größeres. Ein Plan, den wir alle nicht durchschauen. (S. 75)

Am Ende machen sich diejenigen Vorwürfe, die immer versucht haben, gut und richtig zu handeln, und die, die gemein und egoistisch waren, leben bis zur letzten Sekunde glücklich. (S. 137)

1 Kommentar:

  1. Eine sehr schöne Rezension, ich freue mich sehr darauf das Buch zu lesen

    Liebe Grüße,
    Lisa

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