Samstag, 8. März 2014

[Rezension] Die Bücherdiebin (Markus Zusak)

Titel: Die Bücherdiebin
Autor: Markus Zusak
Einzelband
Verlag: Blanvalet
Seiten: 586
Genre: Fiktiv/Historisch
Preis: 9,95€

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Klappentext:
Im Alter von neun Jahren hat Liesel schon vieles verloren. Ihren Vater, einen Kommunisten. Ihre Mutter, die ständig krank war. Ihren Bruder Werner - auf der Fahrt nach Molching zu den Pflegeeltern. Als der Bruder stirbt, gerät sie zum ersten Mal ins Blickfeld des Todes. Und sie stiehlt ihr erstes Buch - ein kleiner, aber folgenreicher Augleich für die erlittenen Verluste. Dann stiehlt sie weitere Bücher. Äpfel und Kartoffeln. Das Herz von Rudi. Das von Hans und Rosa Hubermann. Das von Max. Und das des Todes. Denn selbst der Tod hat ein Herz.
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Zuerst die Farben.

Ein Mädchen ohne Hoffnung in der Zeit des Nationalsozialismus'. Eine neue Familie. Neue Freunde. Neue Wege. Eine Leidenschaft für Bücher, für Wörter. Ein Freund im Schatten, der verborgen lebt. Und der Tod, der sie dabei beobachtet. All das sind Elemente des Romanes und zeigen uns auf eine ganz besondere Weise, was Wörter und Bücher in einer besonderen Zeit bewirken können.

Das Cover gefällt mir sehr gut! Es ist ziemlich schlicht, aber gerade wegen des nur einen Motivs sehr ansprechend. Man erkennt sofort, was einen erwartet - denn man sieht ein kleines Mädchen und den Tod, die Hand in Hand tanzen.
Der Titel verrät uns nicht zu viel und wir können auch noch keinen Zusammenhang zum Motiv des Todes bilden, aber dennoch passt er sehr gut, weil er uns ein kleines Stück von der Protagonistin Liesel preisgibt.

Nachdem Liesel ihren Vater und ihren Bruder verloren hat, bringt sie ihre kranke Mutter nach Molching zu den Hubermanns, die nun Liesels neue Familie werden sollen. Zunächst ist sie sehr zurückhaltend, besonders in der Gegenwart der aufbrausenden Rosa Hubermann. Mit einem Feuer beginnt es. Bei der großen Bücherverbrennung bleibt ein einsames Buch zurück und Liesel nimmt es an sich. Von nun an liest sie jede Nacht gemeinsam mit ihrem Papa in den gestohlenen Büchern. Und durch Gemaltes und Geschriebenes findet sie eine ganz besondere Verbindung zu Max, den Juden, der sich in ihrem Keller vor den Nationalsozialisten versteckt.

Der Roman ist in einer besonderen Form geschrieben, die ich so noch nie gesehen habe. Der Erzähler ist der Tod höchstpersönlich. Markus Zusak hat den gefürchteten Tod mit dem schwarzen Umhang personifiziert und schafft damit eine interessante Erzählbasis. Er berichtet uns oft von seinen persönlichen Erlebnissen und wie er die Welt und die Menschen wahrnimmt. Von uns Menschen hat er kein so gutes Bild. Wir halsen ihm mit unseren Waffen und Konflikten immer mehr Arbeit auf, wie er eigentlich erledigen kann.
Zwischendurch führt er seine Berichte nicht ganz genau aus, schiebt dann aber kurze Absätze ein, in denen dies erklärt wird. Natürlich ist er nicht dauerhaft dabei, wenn wir Liesel tagtäglich begleiten, denn immerhin soll er nicht die Lebenden verfolgen, sondern die Seelen der Toten einsammeln. Jedoch beschreibt er die Geschehnisse aus Liesels Erinnerungen, die sie in einem Buch festgehalten hat.
Wenn er jedoch wieder einmal zufällig in die Nähe Liesels kommt, beschreibt er das Aufeinandertreffen mit seinen eigenen Worten. Es ist sehr interessant, wie der Tod uns und unsere Welt wahrnehmen könnte.
Allerdings muss ich sagen, dass diese sehr eigene Erzählweise am Anfang etwas stockend war, da der Tod direkt von einer Begegnung mit Liesel spricht. Die Szene mit ihren Gefühlen und Empfindungen wirkte sehr distanziert, allerdings verfliegt dieser Eindruck schnell. Und dennoch fällt der Einstieg deshalb etwas schwer.

Man kann sich wunderbar in Liesel hineinversetzen. Sie ist ein sehr authentischer Charakter und man kann ihre Ängste und Sorgen wirklich teilen. Sie kommt in eine neue Familie und muss sich dort erst einfinden. Da ihre Mutter ihr beim Hausunterricht nicht so viel beibringen konnte, hängt sie auch sehr in der Schule zurück und wird besonders wegen ihres schlechten Lesens regelmäßig von der Lehrerin bloßgestellt.
Sie hat zunächst Angst und großen Respekt vor Rosa Hubermann, die mit ihren vulgären Kraftausdrücken und ihrem hitzigen Temperament immer wieder für Aufsehen sorgt. Jedoch lernt Liesel mit der Zeit, damit umzugehen und fühlt sich bei ihrer neuen Mama sehr wohl.
Ihr bester Freund Rudi hat ebenfalls einen auffallenden Charakter. Er ist sehr selbstbewusst, lässt sich nicht gerne von anderen etwas sagen und rennt seinen Träumen hinterher. Er ist wirklich der perfekte beste Freund, der mit Liesel durch dick und dünn geht und sie niemals im Stich lässt. Ich musste immer schmunzeln, wenn er etwas Gutes für Liesel tat und als Belohnung einen Kuss von ihr wollte. Sie jedoch beschimpfte ihn dann nur wüst und ging davon. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass er wirklich in sie verliebt ist, er will sie eben nur etwas necken.

Hans Hubermann ist ein ganz fantastischer Charakter und Pflegevater für Liesel. Vom ersten Augenblick an hat er sie in sein Herz geschlossen und ich ihn in meines. Er ist ein herzensguter Mensch, der niemanden verurteilt. Sein Leben ist nicht ganz einfach und doch vermittelt er den Eindruck eines unbeschwerten Mannes, der ein einfaches und schönes Leben führt. Und im Grunde tut er das auch. Jedoch machen es ihm die Umstände nicht so leicht. Sein Sohn, mit Haut und Haar Nationalsozialist, hat sich von ihm angewandt, weil er nicht in der Nationalsozialistischen Partei aufgenommen wird und auch nicht genug dahintersteht, um es immer weiter zu versuchen. Er war Soldat während des ersten Weltkrieges und überlebte durch einen fast schon dummen Zufall. Er sollte einfach leben, da bin ich mir sicher. Wer hätte Liesel sonst jede Nacht das Lesen beigebracht? Zwar rügt er sie ab und zu wegen ihrer Diebstähle und ihres Verhaltens, doch eigentlich ist er ganz froh, dass er eine so aufgeweckte Tochter hat.
Als eines Tages Max, der Sohn eines alten Freundes, vor der Tür steht und um Hilfe gesucht, zögert Hans Hubermann nicht eine Sekunde und nimmt ihn bei sich zu Hause auf. Natürlich trifft er Vorsichtsmaßnahmen, zum Beispiel darf Max fast nie den Keller verlassen, jedoch zweifelt er nie seine Entscheidung an, diesem jungen Mann geholfen zu haben. Obwohl dies ganz natürlich für uns klingt, so muss man sich deutlich vor Augen führen, in welcher Zeit sie gelebt haben. Einen Juden im Keller zu verstecken, war genauso schlimm, wie sich öffentlich gegen den Führer auszusprechen. Man unterschrieb damit eigens sein Todesurteil.

Gemeinsam mit Max machen Liesel und Hans die Worte in ihrem Heim lebendig. Sie erkennen, dass Worte eine unglaublich große Macht besitzen. Dies zeigt Max ganz fantastisch in einer kleinen Geschichte, die er für Liesel geschrieben hat: Die Worteschüttlerin. Darin beschreibt er Hitler, der ebenfalls die Macht der Worte erkannt und sie sich zunutze gemacht hat. Abgesehen von dem schlimmen Krieg und all den getöteten Menschen muss man einen Schritt zurückgehen: Wie kam Hitler überhaupt an die Macht? Wohl kaum mit einem Gewehr. Nein, er fand seinen Weg zur Macht mit Worten. Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist es eigentlich ganz logisch, jedoch vielleicht nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Deswegen finde ich es grandios, dass Markus Zusak diesen Sachverhalt durch Max' Geschichte deutlich zum Ausdruck gebracht hat.
Wir als Buchliebhaber können damit natürlich auch wunderbar identifizieren. Wir leben tausend Leben und bereisen die unterschiedlichsten Welten und erleben die sonderbarsten Abenteuer - nur durch Wort erschaffen. Man kann mit ihnen aus der Realität flüchten oder einfach für kurze Zeit ein anderer Mensch sein - oder eben wie in Die Bücherdiebin dargestellt, die Macht ergreifen und ein ganzes Land für sich gewinnen. Was man damit anfängt, ist wieder eine ganz andere Sache.

Ein Ausschnitt aus Die Worteschüttlerin (S. 479)
Wer jetzt denkt, dass der Roman nur auf die Bedeutung der Worte eingeht, der liegt jedoch ganz falsch. Man erfährt allerlei über das Leben damals, wie sich die einfachen Leute mit niederen Arbeiten etwas Geld zum Leben verdienten, wie die Kinder in die Schule gingen und anschließend Fußball auf der Straße spielten. Aber auch, was es bedeutet, den Krieg und seine Auswirkungen allgegenwärtig zu haben. Dazu zählt die Knappheit an Ressourcen, das Einziehen neuer Soldaten, Warnungen vor Bombenangriffen und die Hetzjagd gegen Juden.
Der Roman ist sehr facettenreich, zeigt uns alle Seiten, die zu dieser Zeit geherrscht haben, verurteilt aber niemanden. Durch die Charaktere lernen wir, Verständnis aber auch Mut zu haben. Sogar der Tod wird uns näher geführt - als Person, die sich auch mal über viel Arbeit aufregen kann oder die mit den Menschen mitfühlt, weil ihnen Schreckliches widerfahren ist.

Die Bücherdiebin ist ein Roman, der uns vom Leben der damaligen Zeit über den Tod bis hin zu der mächtigen Bedeutung von Worten alles zeigt, was wichtig ist. Durch die verschiedenen und liebenswerten Charaktere bekommen wir die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Leben gezeigt und wie man mit den Umständen, durch den Menschen erschaffen, umgehen kann.


4 Marshmallows

~ Vier große Worte ~
Es tut mir Leid. 
(S. 163)

Der Sommer kam.
Im Leben der Bücherdiebin lief alles glatt.
In meinem Leben hatte der Himmel die Farbe von Juden.
(S. 378)

 ~ Die Bücherdiebin - Letzter Satz ~
Ich habe die Worte gehasst, und ich habe sie geliebt, und ich hoffe, ich habe sie richtig gemacht.
(S. 563)

Kommentare:

  1. Ich liebe dieses Buch! Und deine tolle Rezi hat mich soeben daran erinnert, dass es Zeit wird, dass ich es wieder lese!
    Ich freue mich schon total auf den Film :)

    Liebe Grüße & ein schönes Restwochenende,
    Carly

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  2. Da ich das Buch noch ungelesen bei mir stehen habe wurde deine Rezi nur ganz kurz überflogen. Aber schon dadurch habe ich richtig Lust das Buch anzufangen! Ich bin schon sehr gespannt ob ich ähnlich begeistert sein werde!

    LG Anni

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  3. Hallo,
    Ich wusste nicht ganz wo ich das posten soll -> Du bist getaggt worden :)
    http://bluesplashes.blogspot.co.at/2014/03/sonstiges-liebster-award-discover-new.html

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  4. Eine wundervolle Rezension eines wundervollen, bewegenden Buches ♥
    Ich bin über den Kommentiertag bei dir gelandet und schaue mich gleich noch ein bisschen um.
    In diesem Blog steckt viel Arbeit und Herzblut, oder?!
    Viele Grüße von
    Janke aus der Soulfood-Küche

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