Dienstag, 4. März 2014

[Rezension] Artikel 5 (Kristen Simmons)

Titel: Artikel 5
Autorin: Kristen Simmons
Band 1 der Articel 5 Trilogie
Verlag: Ivi (Piper)
Seiten: 428
Genre: Fantasy/Dystopie
Preis: 16,99€

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Klappentext: 
Die Moralstatuten der Verinigten Staaten von Amerika

Artikel 1
Die Vereinigten Staaten von Amerika erkennen die Amerikanische Kirche als offizielle Religion an.

Artikel 2
Literatur und andere unmoralische Medien sind verboten. Ihr Besitz, Erwerb und Verkauf ist strengstens untersagt.

Artikel 3
Eine vollständige Familie besteht aus einem Mann, einer Frau und mindestens einem Kind.

Artikel 4
Die traditionellen Geschlechterrollen müssen eingehalten werden.

Artikel 5
Als vollwertiger Staatsbürger wird nur anerkannt, wer als Kind eines verheirateten Paares auf die Welt kommt.

Wirst du dich fügen?
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Beth und Ryan hielten einander an den Händen, was durchaus reichte, um eine offizielle Vorladung wegen eines Sittlichkeitsvergehens zu riskieren, aber ich sagte nichts dazu.

Ein weiterer dystopischer Roman, der Spannung und eine Hetzjagd verspricht. Eine grausame Welt in der Zukunft, in der man sich strikt an die Moralstatuten halten muss, da man ansonsten mit schweren Strafen zu rechnen hat. Eine brutale und gefährliche Soldatenarmee, die die Einhaltung und Bestrafung überwacht.
Und eine Liebe, die trotz aller Regeln die Zeit überbrückt. Und dennoch bin ich leider enttäuscht worden.

Das Cover löst bereits eine düstere Stimmung in uns aus. Es ist dunkel gehalten und das Mädchen darauf sieht verzweifelt und wütend zugleich aus. Allerdings muss ich sagen, dass das Cover nicht unbedingt ansprechend ist. Es gibt andere dystopische Romane, die einladender aussehen.
Der Titel passt sehr gut zur Geschichte, ohne zu viel zu verraten. Generell hat man nur mit Titel und Klappentext keine genaue Vorstellung, was genau einen erwartet. Man weiß aber sehr genau, dass unsere Hauptperson vermutlich gegen Artikel 5 verstoßen wird.

Ember Miller lebt mit ihrer Mutter in der Zukunft der Vereinigten Staaten von Amerika. Ihr Leben ist bis auf die strikt einzuhaltenden Moralstatuten dennoch recht unbeschwert. Bis sie und ihre Mutter eines Tages aufgrund des Verstoßes gegen Artikel 5 verhaftet werden. Ember wird in ein Resozialisierungszentrum gebracht und ihre Mutter wird vor Gericht gestellt. Ember versucht alles, um zu fliehen und ihre Mutter zu befreien. Und dabei hilft ihr ausgerechnet Chase, in den sie früher so verliebt war und der sich komplett verändert hat, seit er zum Soldaten wurde. Kann sie ihm trauen und wird sie ihre Mutter wiedersehen?

Ich als großer Dystopie-Fan und pessimistischer In-die-Zukunft-Blicker konnte dieser Geschichte rund um die Moralstatuten nicht widerstehen. Der Gedanke dieser Welt ist unglaublich gut. Aufbau und Ausfertigung der Geschichte jedoch entpuppen sich als mittelschwere Katastrophe, die mich fast ausschließlich nur den Kopf schütteln ließ. Die Welt, die sich Kristen Simmons erdacht hat, ist einfach nicht genug ausgereift und durchdacht worden, sodass nur einzelne Tatsachen aufgedeckt und erklärt werden, die wichtig für den Handlungsverlauf um Embers Geschichte sind. Viele, viele Fragen sind bei mir offen geblieben und auch nach reiflicher Überlegung konnte ich zwischen bestimmten Sachverhalten einfach keine plausible Erklärung finden. Die Puzzleteile wurden nur gerade so zusammengesetzt, dass sie halbwegs logisch für die Charaktere erschienen, aber in andere Richtungen, die ebenfalls durchaus hätten eingeschlagen werden können, wurde überhaupt nicht gedacht.
Leider leider muss ich sagen, dass ich mir etwas anderes von der Geschichte erhofft habe. Selbst die Charaktere waren nicht unbedingt so gestaltet, dass man sich mit ihnen identifizieren konnte.

Eigentlich fängt die Geschichte total normal an, genauso, als würde man sich in unserer heutigen Zeit mit Freunden daheim treffen. Die strikten Moralstatuten werden nur kurz angesprochen, sodass man erkennt, dass man sich in der Zukunft befindet. Kurz darauf werden Ember und ihre Mutter schon verhaftet, weil sie gegen Artikel 5 verstoßen haben. Allerdings hat Ember ihren Vater niemals kennengelernt und so frage ich mich, warum die ach so schlauen und erbsenzählerischen Soldaten erst nach so vielen Jahren auf die Idee kommen, die beiden wegen Regelverstoßes zu verhaften... Angeblich gab es erst einige Tage vorher eine Aktualisierung der Artikel, aber diese müssen doch in ähnlicher Form vorher schon Geltung gehabt haben?
Jedenfalls wird Ember in ein Resozialisierungszentrum gebracht, da sie nicht als vollwertiger Staatsbürger gilt und nun Bundeseigentum ist. Von jetzt auf gleich ist ihr Leben zerstört.
Im Resozialisierungszentrum angekommen, scheint die Geschichte an Fahrt aufzunehmen und es entwickelt sich ein leichter Spannungsbogen. Allerdings verstehe ich nicht so ganz, warum man nach seinem achtzehnten Geburtstag einfach so wieder herauskommen kann. Immerhin gelten die Mädchen nun als Bundeseigentum. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass immer nur von Mädchen gesprochen wird - also gibt es keine Jungen, die als nichteheliche Kinder auf die Welt gekommen sind?!

Und prompt wird der Handlungsfluss und damit auch die Spannung nach wenigen Seiten wieder abrupt gestoppt, da Ember gemeinsam mit ihrer Zimmerkollegin Rebecca und dem Soldaten Sean, der eine heimliche Beziehung mit Rebecca führt, einen Plan ausheckt, wie sie flüchten kann und mit einem Satz *zack* zwei Wochen vorüber sind. Somit befinden wir uns nur sehr kurze Zeit im Resozialisierungszentrum und das ist wirklich schade, da man bis auf zwei Vorfälle überhaupt nicht erfährt, wie der Tagesablauf dort ist und was genau mit den zu bestrafenden Mädchen passiert oder was sie überhaupt den ganzen Tag dort machen müssen. Es wirkt alles sehr distanziert, sodass man keinen wirklichen Einblick gewinnt. Offenbar fungiert das Resozialisierungszentrum nur als eine Art Bindeglied zwischen der Festnahme Embers und ihrer Flucht mit Chase, sodass man es nicht näher ausführen muss und es auch durch einen anderen Handlungsort hätte ersetzt werden können. Es scheint nicht weiter wichtig zu sein, obwohl doch tagtäglich ein Bus mit "Sträflingen" ankommt.
Fast das gesamte Buch über befinden sich Chase um Ember auf der Flucht und endlich erfährt man mal etwas über das Land und wie es regiert wird. Man sieht andere Orte, die kurz vor dem Krieg evakuiert wurden und leere Städte, die niemand mehr ohne Genehmigung betreten darf. Man erfährt, was mit Gesetzesverstoßenden passiert und wie sie gejagt und eliminiert werden.
Ab und zu gibt es brenzlige Situationen, die bei so einer Art von Geschichte natürlich sind. Aber alles wirkte auf mich sehr zusammengewürfelt... Oh, hier müssen wir noch einen kleinen Kampf einbauen, damit es nicht zu langweilig wird, bis die beiden beim Schleuser ankommen.

Wo wir schon dabei sind... Es gibt überhaupt keine Hintergrundinformationen, wie die Moralstatuten überhaupt entstanden sind und was es mit dem Krieg auf sich hat. Es wird nur ein paar Mal gesagt, dass die großen Städte evakuiert wurden, aber was genau es damit auf sich hat, bleibt ein ungelüftetes Geheimnis.
Seltsam finde ich auch, dass jeder noch so kleine oder große Ort im Land so gegenteilig zu Embers Heimatstadt ist. Obwohl dort natürlich auch das Gesetz strengstens eingehalten werden muss, ging es den Menschen verhältnismäßig gut und sie führten ein fast schon unbeschwertes Leben.
In den anderen Städten jedoch herrscht Aufruhr, Hunger und Angst. Diese krasse Schere kommt mir äußerst seltsam vor.
Jedoch will ich euch bei all meiner Kritik zwei Dinge nicht vorenthalten, die mir sehr gut gefallen haben. Zum Einen gibt es gegen Ende des Buches (etwa auf den letzten 150 Seiten) zwei große Überraschungen, die den Spannungsbogen der Geschichte in die Höhe schießen lassen und zum Anderen die Reaktionen von Chase.

Zwischendurch gibt es immer wieder ein paar Rückblenden aus Embers Erinnerungen in die Zeit, bevor Chase ins Militär eingezogen worden ist. Offenbar waren die beiden verliebt. Doch auch hier wurde wieder gepfuscht. Man merkt deutlich, dass Chase nun als Soldat nicht mehr der Gleiche ist wie zuvor, aber welche Beziehung die beiden zueinander hatten, wird nicht klar. Ember stützt sich auf ihre Erinnerungen und betont immer wieder, dass er sich so sehr verändert hat. Allerdings geben die Rückblenden nicht wirklich Aufschluss darüber, WIE Chase denn nun früher gewesen ist und was genau sich an ihm so sehr verändert hat. Demnach können wir uns nur mit dem "Jetzt-Chase" arrangieren, da wir seine vorherigen Charakterezüge nicht wirklich erkennen und nachvollziehen können.
Allerdings ist ganz klar, dass er früher Gefühle für Ember hatte und ihm diese während seiner Soldatenausbildung ausgetrieben worden sind. Immer wieder blitzt der Beschützerinstinkt gegenüber Ember auf, der aber leider viel zu oft wieder abgestellt wird. Er möchte Ember wieder näher kommen, aber sie weicht nur vor ihm zurück, weil er so anders geworden ist. Ihre Reaktionen verletzen ihn und deshalb nimmt auch er lieber Abstand zu ihr ein. Nach einer Weile jedoch passt ihr das auch nicht mehr.

Ember ist ein schwieriger Charakter. In einigen Situationen reagiert sie sehr authentisch und einem starken Hauptcharakter entsprechend, jedoch hatte ich fast durchgehend das Gefühl, dass in ihrem Kopf zwei Embers sitzen, die sich pausenlos streiten und sich in der Führung ihrer Persönlichkeit abwechseln. Natürlich ist es überhaupt kein Problem, dass sie hin und wieder und auf bestimmte Situationen bezogen ihre Meinung über Personen ändert, allerdings kann man ihr Wechselbad der Gefühle fast auf jeder Seite ablesen und irgendwie stört das die Geschichte.
Zunächst distanziert sie sich sehr von Chase, da er sich im Gegensatz zu früher so anders verhält und nun wirklich ein Soldat geworden ist, der auch vor Drohungen und Mord nicht zurückschreckt, um sein Ziel zu erreichen - selbst wenn dieses Ziel ist, Ember zu beschützen.
Sie ist gerührt, dass er sein eigenes Leben aufs Spiel setzt, um ihres zu retten, wie er es ihrer Mutter versprochen hat und doch gibt es immer wieder Situationen, in denen er so fremdartig handelt, dass Ember vor ihm zurückweicht und seine Nähe nicht ertragen kann.
So weit, so gut. Diese Gefühlsänderungen sind eigentlich sehr plausibel, aber sie werden gefühlt auf jeder Seite angesprochen und alle zwei Seiten ändert sich ihre Meinung wieder... Irgendwann weiß man einfach nicht mehr, was Ember gerade von wem hält und in welche Richtung sie sich bewegt.

Wenn man sich ausschließlich auf den Moment der spannenden Szenen konzentriert, dann ist die Geschichte gut. Allerdings bedarf es in einer zukünftigen Welt etwas mehr, als nur einen spannenden Kampf. Die Erläuterungen sind äußerst lückenhaft, Ember hat mich zwischendurch unglaublich genervt und die gesamte Welt mit ihren Regeln wirkte so zusammengewürfelt, als ob man sich nur dies und jenes für seine eigene Geschichte zusammenpickt, ohne das große Ganze in Betracht zu ziehen.
Obwohl die Geschichte am Ende doch sehr an Fahrt aufgenommen hat, reichen diese wenigen positiven Aspekte nicht aus, um einen ordentlichen Lesespaß zu bieten. Trotz der vorhandenen Spannung, hatte ich nicht wirklich das Bedürfnis, das Buch weiterzulesen, um zu erfahren, wie es weitergeht. Wahrscheinlich habe ich es nur so schnell durchgekaut, weil ich es als Wanderbuch erhalten habe. Ansonsten hätte ich wahrscheinlich so einige Bücher dazwischengeschoben. Ein großes Bedürfnis nach Band zwei verspüre ich auch nicht...

Artikel 5 beginnt mit einem guten Gedanken zu einer zukünftigen Welt, in der uns eine spannende Geschichte versprochen wird, die allerdings mit lückenhaften Erklärungen und einem Minimum an Informationen den Lesefluss und Lesespaß raubt, sodass ich wirklich traurig bin, dass diese wunderbare dystopische Idee eigens von der Autorin so im Keim erstickt worden ist.

2 Marshmallows

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