Sonntag, 9. Februar 2014

[Rezension] Der Medicus (Noah Gordon)

Titel: Der Medicus
Autor: Noah Gordon
Band 1 der Trilogie
Verlag: Heyne
Seiten: 842
Genre: Historischer Roman
Preis: 9,99€

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Klappentext:
Eine Reise aus der Dunkelheit ins Licht.
London im 11. Jahrhundert. Nach dem Tod seiner Mutter findet der neunjährige Waise Rob Cole Schutz bei einem Bader und wird sein gelehriger Schüler, bis er eines Tages nach Persien aufbricht, denn dort, im fernen Isfahan, lehrt Ibn Sina Avicenna, der berühmteste aller Ärzte. Rob trotzt mutig den Gefahren seiner weiten Reise, Hunger, Pest und den Überfällen religiöser Fanatiker. Unbeirrt folgt er seiner Berufung als Arzt und Heiler.
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Es waren Robs letzte ruhige und geborgene Augenblicke seliger Unschuld, doch in seiner Arglosigkeit hatte er es als ungerecht empfunden, dass er mit seinen Geschwistern zu Hause bleiben musste.
 
Noah Gordons Weltbestseller, welcher im Jahr 1986 erschienen ist, fasziniert als fiktiv-historischer Roman mit der Neugier und dem unerschöpflichen Wissensdurst und Mut zum Lernen des Robert Jeremy Cole, der ein unbeständiges Leben führt und schließlich alle Gefahren auf sich nimmt, um ein großer Medicus zu werden. Der Roman beschäftigt sich mit vielerlei Themen, die auch noch heute eine große Rolle spielen.

Das Cover meiner Ausgabe enspricht dem Filmposter. Es gefällt mir unglaublich gut, obwohl nun auch ich sagen muss, dass es zwischen Buch und Film fundamentale Unterschiede gibt, dennoch mag ich beides sehr gerne. Zu sehen sind - von unten nach oben - Rob Cole, Mary, der Bader, Schah Alã, Ibn Sina.
Der Titel passt natürlich hervorragend. Er spiegelt jedoch nicht nur den Wunsch wider, ein Medicus zu werden, sondern auch, wie vielen Gefahren man sich dafür stellen und wie viel Zeit man opfern muss.
Rob wächst in ärmlichen Verhältnissen in London auf. Als seine Eltern sterben, werden er und seine Geschwister, sowie ihr ganzer Besitz aufgeteilt. Ein herumreisender Bader nimmt sich seiner an und Rob lernt bei ihm, wie er Menschen heilen kann. Allerdings lernt er mit den Jahren auch, dass diese Medizin nicht wirklich heilsam ist. Von einem Juden, der sogar den Grauen Star behandeln kann, erfährt er von einem großen Arzt in Persien, Ibn Sina. Rob macht sich auf die lange Reise in das weit entfernte Isfahan. Doch dort erwartet ihn nicht nur die Lehre unter dem Arzt aller Ärzte, sondern auch Ablehnung, die Bräuche und eigenen Lebensweisen der Islamisten und ihres Schahs und exotische Krankheiten, die es zu bekämpfen gilt.

Auf der Rückseite des Buches findet sich ein sehr treffendes Zitat des Spiegels wieder: "Noah Gordon vermag es, einer Story Saft und Kraft zu geben." Dieses Zitat trifft den Nagel auf den Kopf. Bisher habe ich schon den ein oder anderen historischen Roman gelesen und mich auch schon an einigen versucht, allerdings waren sie mir meist zu langatmig und aufgrund der vielen Erklärungen nicht spannend genug. Noah Gordon hat es geschafft, dass ich an den 842 Seiten geklebt habe und das Buch innerhalb einer Zeitspanne gelesen habe, in der ich Bücher mit halb so vielen Seiten lese. Man ist so in die Geschichte miteingebunden, sodass man sich ihr nicht entziehen kann. Obwohl auch vieles sehr umfangreich erklärt wird, schwächt dies die Geschichte kein bisschen in ihrer Spannung ab. Man verfolgt die lange Reise des Rob Cole, die mit der Aufnahme beim Bader beginnt und erst endet, wenn man die letzte Seite gelesen hat.
Der Roman beschäftigt sich mit sehr vielen Themen und Rob lernt immer wieder neu dazu. Man wird nicht mit neuen Informationen zugeschüttet, sondern lernt sich mit Rob gemeinsam Stück für Stück. Dies fördert unser Verständnis für andere Religionen und so manches kann ich im Nachhinein nun besser verstehen. Wobei das nicht heißen soll, dass ich es gutheiße.

Sehr ausführlich begleiten wir Rob auf seiner Reise, um ein Medicus zu werden. Es beginnt schon damit, dass er nach dem Tod seiner Eltern von einem in England umherreisenden Bader aufgenommen wird. Nun springt Noah Gordon nicht einfach mit dem Satz "Viele Jahre lernte er beim Bader" in die Zukunft. Natürlich beschreibt er nicht detailreich zehn Jahre, aber er lässt uns an der harten Ausbildung Robs Teil haben, sodass wir eine Draht zum Bader als Mensch und Beruf entwickeln und auch zu der Art, wie er seine Arbeit verrichtet. Somit ist das Verständnis für bestimmte Handlungen viel größer und macht die Geschichte so glaubhaft.
Im Mittelalter war es natürlich üblich, dass man keine langwierigen Heilungsprozesse anwandte, sondern lieber schnell ein Körperteil amputierte. Und aufgrund des mangelnden Wissens um den menschlichen Körper konnte man vielen Patienten nur den Segen Gottes wünschen und ihnen dann noch für viel Geld einen angemischten Punsch mit Alkohol anbieten.
Damals gab es in England nur wenige, die überhaupt etwas Ahnung vom Heilen hatten und auch Rob sieht bald ein, dass das Eintreffen des Baders eher einer großen Show gleicht.

Dennoch hat es mir viel Spaß gemacht, den Bader und Rob auf ihren Reisen zu beobachten. Der Bader bringt Rob bei, wie er ein Teil der großen Show werden kann, indem er die Leute mit Jonglieren, interessanten Geschichten, Witzen und Schmeicheleien dazu bringen kann, sie untersuchen zu lassen. Eigentlich bekommen sie alle nur ein vorgegaukeltes Universalspezifikum zur Heilung von allem, obwohl dies hauptsächlich nur aus Met besteht. Deshalb bleiben die beiden auch nie länger als einen Tag in einer Stadt, damit ihr Schwindel nicht auffliegt.
Obwohl der Bader die Leute betrügt und sich nur mit Alkohol und Frauen amüsiert, wird er für Rob wie ein Lehrmeister und Vaterersatz.
Als Rob dann aber von einem jüdischen Medicus hört, der den Menschen wirklich hilft und sogar einem Blinden das Augenlicht wieder schenkt, sieht er eine neue Chance. Er will den Menschen wirklich helfen und ihnen nicht vorspielen.

Nach dem Tod des Baders reist Rob weiterhin durch England, um die Medizin zu verkaufen. Aber dabei merkt er, wie wenig er eigentlich weiß und dass er es nicht würdig ist, sich als Arzt oder Bader zu bezeichnen. Also sucht er den jüdischen Medicus auf und erfährt zum ersten Mal von Ibn Sina, den Arzt alle Ärzte, der Studenten in Persien ausbildet.
Rob macht sich auf eine sehr weite Reise in die persische Stadt Isfahan. Allerdings ist die Reise nicht einfach. Je weiter man in den Westen kommt, desto verhasster sind Christen und neben den Islamisten sind nur noch Juden geduldet. Also bittet Rob um Gottes Segen und wird zu Jesse ben Benjamin.
Besonders während seiner Reise erfährt und lernt er unglaublich viel über die jüdische Religion. Und wir als Leser mit ihm. Neben der jüdischen und persischen Sprache eignet er sich Wissen über die Thora und den Koran an. Sein Wissensdurst ist unerschöpflich und das macht ihn aus.
Rob ist in dieser Hinsicht ein vorbildlicher und beeindruckender Charakter. Er hat ein sehr gutes Selbstverständnis, weshalb er einsehen konnte, dass seine wenigen Kenntnisse nicht ausreichen, um Menschen zu heilen. Er besitzt große Mengen an Toleranz und Akzeptanz. Er passt sich den Gegebenheiten an: Er will in Persien lernen, gut, dann muss er Persisch lernen. Da in diesem Land der Koran gilt und er sich unauffällig verhalten und sich nicht schuldig machen will, lernt er die Gesetze des Koran. Da er als Jude reist, muss er die jüdische Sprache und die Gesetze der Thora erlernen. Er akzeptiert alles Neue, was ihm daraufhin begegnet, auch wenn er nicht alles gutheißen kann.

Da Rob in ein islamistisch geprägtes Land reist und das auch noch als verdeckter Jude, muss er all die Gesetze und Bräuche lernen. Daher ist das Buch sehr religiös geprägt. Ich persönlich bin nicht wirklich sehr religiös, aber trotzdem wurde man mit diesem Thema nicht überhäuft. Noah Gordon führt uns langsam an sie heran und man lernt Schritt für Schritt die Bedeutungen und Lebenswege. Man bringt mehr Verständnis auf, wenn man nicht nur wie sonst an der Oberfläche kratzt, sondern tiefer eintaucht und sich darauf einlässt.
Auf seiner Reise mit einer Karawne durch Europa lernt Rob einen christlichen Schotten und seine Tochter Mary kennen. Sie verlieben sich ineinander, aber in Konstantinopel trennen sich ihre Wege. Hier gilt es für Rob eine erste schwere Entscheidung zu treffen: Entweder kann er Mary heiraten oder er reist ohne sie nach Isfahan weiter. Und so lesen wir lange Zeit nichts mehr von ihr.
Nach ganzen zwanzig Monaten (!) erreicht Rob Isfahan und ist gleich mit einem völlig neuen Leben und völlig neuen Umständen konfrontiert. Zugegeben hat er sich vorher auch keine wirklichen Gedanken darüber gemacht. Nur weil er vorgibt, Jude zu sein, kann er nicht einfach in die madrassa, die örtliche Akademie für Studenten, hineinspazieren und wird aufgenommen. Er muss einige Hürden nehmen und ist aber dennoch von Anfang an eine Attraktion. Ein europäischer Jude in Persien? Das ist schon eine seltsame Kombination, die sogar Schah Alã aufmerksam macht. Rob bittet um seine Gunst und erhält einen calãt des Schahs - ein Haus, ein Pferd und die Erlaubnis, in der madrassa studieren zu dürfen. Und nun steht er noch mehr in aller Munde und erregt das Aufsehen von Ibn Sina.

Dadurch, dass uns Noah Gordon langsam an alles herangeführt hat, sind auch schon einige persische Begriffe zum normalen Inventar des Wortschatzes hinzugefügt worden. Beispielsweise die madrassa, die Akademie, der maristan, das Krankenhaus oder der Begriff hakim, der gelehrte Arzt, bleiben genauso im Roman enthalten und sie lesen sich ganz natürlich und selbstverständlich.
Die Aufteilung des Buches gefällt mir unglaublich gut. Es gibt insgesamt sieben Teile, die innerhalb noch einmal in Kapitel unterteilt sind. Sie sind nicht zu lang und oft mit Absätzen geteilt. Das wirkt überhaupt nicht abgehakt, sondern bietet hier und da eine Lesepause, um über den beeinruckenden Lesestoff nachzudenken.
Obwohl die Zeit nie mit Sätzen wie "Viele Monate vergingen." oder "Er studierte nun schon seit drei Jahren in Isfahan." vorangetrieben wird, ist der Roman nicht langatmig. Noah Gordon nimmt sich ausreichend Zeit, alles genau zu beschreiben ohne dass es langweilig wird. Man lernt unglaublich viel. Da man die verschiedenen Entwicklungsstufen Robs seit seinem neunten Lebensjahr begleitet, ist man nur zu gerne dabei, wenn er einen neuen Weg einschlägt und da würden die eben genannten Sätze nur die Freude nehmen. Oft ist es in Büchern so, dass nur kurz über Vergangenes berichtet wird. So hätte man auch hier die Ausbildung Robs oder seine lange Reise nach Isfahan mit nur zwei Sätzen abhandeln können, aber so baut man eine viel bessere Beziehung zu den Charakteren auf.

In Robs Leben in Isfahan macht es am meisten Spaß, wenn er noch Student ist und in den Vorlesungen immer Neues lernt und sich um seine Patienten kümmern kann. Allerdings muss er auch ernüchternd feststellen, dass er neben Medizin auch Philosophie, Rechtswissenschaft und Theologie studieren muss, um die Prüfung zum hakim ablegen zu können. Nach einige Zeit findet er auch sehr gute Freunde, den Juden Mirdin und den Perser Karim.
Es ist unglaublich schön zu beobachten, wie Rob nach und nach Beziehungen zu den Fremden aufbaut und wie sie reifen. Schon bald ist er in Ibn Sinas Augen der vielversprechenste Student und das nicht nur wegen seiner besonderen Gabe. Schon früh konnte Rob mit der Berührung der Hände eines Patienten erkennen ob dieser bald sterben wird. Allerdings wird nicht allzu oft auf diese Gabe eingegangen, nur in wichtigen Momenten. Denn immerhin geht es um die Kunst des Heilens und nicht eine Ahnung um den Tod.

Allerdings wird Rob immer häufiger mit Themen konfroniert, denen er sich eigentlich fernhalten möchte. Der Schah erbittet immer öfter seine Anwesenheit und da sich Rob für den calãt erkenntlich zeigen muss, ist er auch oft auf Reisen dabei, sogar auf Beutezügen. Durch die Gunst des Schahs muss er nun immer öfters seine Aufgabe und Berufung vernachlässigen, denn das Nichtnachkommen der Befehle und Wünsche des Schahs gelten als große Beleidigung.
Auch wenn Rob älter wird, soll er immer mehr Aufgaben in der Akademie wahrnehmen, was ihn natürlich ehrt, aber man merkt deutlich, dass er nicht der Richtige dafür ist. Seine Berufung ist es, Menschen zu heilen. Genau deshalb kam er zum Lernen nach Isfahan.
Doch mit der Zeit muss man leider feststellen, dass nicht alles so bleiben kann, wie es ist. So kämpft Rob nicht nur gegen exotische Krankheiten an, sondern auch gegen den Schah und das Gesetz des Koran, welches das Leben so schwer und unwürdig für viele Menschen macht.

Der Medicus ist ein beeindruckender Roman, der sich mit vielen Themen beschäftigt und die Leser langsam an ein Verständnis für Judentum und Islam heranführt. Man durchlebt den Großteil des Lebens von Rob Cole, dessen Wunsch es ist, ein großer Medicus zu werden und dafür nimmt er alle Gefahren auf sich, sogar die Wut eines Schahs...

5 Marshmallows

Das Leben eines Menschen in der Hand zu halten wie einen Kieselstein. Zu fühlen, wie es einem langsam entglitt, es dennoch durch eigenes Handeln zurückzuholen! Nicht einmal ein König hatte solche Macht.
(S. 203)

Der Bader hatte immer gesagt, dass man bei der Auswahl eines Pferdes nach einem Tier Ausschau halten solle, das den Kopf einer Prinzessin und den Hinern einer fetten Hure hat.
(S. 414)

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