Sonntag, 12. Januar 2014

[Rezension] Der Winterpalast (Eva Stachniak)

Titel: Der Winterpalast
Autorin: Eva Stachniak
Band 1 der Reihe um Katharina die Große
Verlag: Insel-Taschenbuch
Seiten: 530
Genre: Historischer Roman
Preis: 9,99€

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Klappentext:
"Ich dachte an den Tag, als sie in Moskau angekommen war, ein vierzehnjähriges Kind, das nicht wusste, was aus ihm werden würde. Ich dachte an die junge Frau, die sie wurde. Man hatte ihr vieles weggenommen, aber ihr Herz war nicht gebrochen. Meine Kaiser, dachte ich.
Katharinas Stimme hallte weithin durch die Luft: >Ich schwöre, dass ich Russland größer machen werde als je zuvor.<"
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Spione bleiben normalerweise unsichtbar, außer sie werden enttarnt, oder sie treten freiwillig ans Licht der Öffentlichkeit.

Eva Stachniak präsentiert uns mit Der Winterpalast einen abwechslungsreichen und wortgewandten historischen Roman über den Aufstieg von Katharina der Großen von Russland. Sie lässt uns hinter die die Mauern des kaiserlichen Palastes blicken und uns ein Teil des intriganten Lebens werden. Die Botschaft ist klar: Traue niemandem, aber nutze die Fähigkeiten und Einflüsse der anderen.

Das Cover ist schlicht und hat doch eine enorme Ausstrahlung. Es ist ein prächtiger Palast in einer Winterlandschaft. Auf ihn zu läuft eine Frau in teuren Kleidern, vermutlich Katharina oder eine ihrer Hofdamen. Es zieht aufgrund der hellen Farbe die Aufmerksamkeit auf sich und weckt zumindest bei mir großes Interesse.
Der Titel ist sehr passend. Denn der kaiserliche Palast in Russland wird auch als Winterpalast bezeichnet. Allerdings gibt er uns nicht zu viel preis, sodass wir nicht genau wissen, in welcher Art und Weise wir in das Leben bei Hof eintauchen werden.

Russland im achtzehnten Jahrhundert. Elisabeth stürmte nach dem Tod ihres Vaters den Palast und riss die Macht als Kaiserin an sich. Sie engagiert einen Buchbinder, um die kaiserliche Bibliothek wieder auf Vordermann zu bringen. Jene Tochter des Buchbinders, Barbara, ist ganz fasziniert von dem Leben bei Hof. Als ihre Eltern sterben, nimmt Elisabeth sie auf und Barbara wird zu einer Zunge. Sie spioniert jedem im Palast hinterher und berichtet der Kaiserin alles haargenau.
Schließlich kommt Sophie aus Deutschland an den Hof, denn sie soll mit dem Kronprinzen Peter verheiratet werden, ihr späterer Name soll Katharina sein. Sie wird von allen in ganz Russland verabscheut und auch die Kaiserin und ihr eigener Mann legen keinen Wert auf sie. Nur Barbara ist ihre einzige Freundin und Berichterstatterin zu Zeiten von Intrigen, Hass, Liebe und dem bevorstehenden Krieg...

Ich bin eher der "Historische Zuschauer", wenn man es so ausdrücken will. Filme und Serien verschlinge ich begeistert, aber die Bücher sind mir dann meist doch zu langatmig mit ihren vielen Beschreibungen, obwohl ich die Recherchearbeit der Autoren bewundere. Und so bin ich auch ein Liebhaber von Geschichten rund um Paläste, Könige und das Leben bei Hof. Dieser Roman vereinte beides und obwohl ich nicht wirklich mit der Geschichte von Russland vertraut bin, gab ich dem Buch eine Chance. Und ich wurde nicht enttäuscht.
Die Geschichte wird aus der Sicht von Barbara Nikolajewna erzählt. Sie ist die Tochter eines Buchbinders und in Polen aufgewachsen. Ihr Vater beherrscht sein Handwerk ausgezeichnet und bald reisen sie nach Russland. Dort lernen sie die Tochter des Kaisers, Elisabeth, kennen, die Bücher liebt und Barbaras Vater nur zu gerne ihre Bücher zur Reparatur gibt.
Nach dem Tod des Kaisers einige Jahre später stürmt Elisabeth den Palast, um Kaiserin zu werden. Den eigentlich Thronfolger, der zu dieser Zeit noch ein kleiner Junge ist, lässt sie jahrelang einsperren.

Wir lernen Elisabeth vor ihrer Zeit als Kaiserin nur sehr kurz in Barbaras Erinnerungen kennen und doch ist die Veränderung bemerkenswert. Sie liebte Bücher und die Feste bei Hof und war eine sehr nette junge Dame, die durchaus mit Barbara hätte befreundet sein könnte. Aber in all den Jahren bei Hof müssen wir einsehen, dass Macht alles verändert. Elisabeth wird zu einem richtigen Drachen. Alles dreht sich um sie und niemand darf ihr in die Quere kommen oder ihr widersprechen. Vielleicht war das damals im königlichen Leben so, aber tatsächlich erkennt auch Barbara viele Jahre später, dass es einzig und allen die Macht war, die Elisabeth dazu gemacht hat.

Barbaras und auch später Sophies Mutter sind ein absolutes Paradebeispielt für die vergangene Zeit. Sie bilden ihre Töchter in Sprachen, Manieren und Tanz aus, damit sie eine möglichst gute Partie machen. Dabei zählen Gefühle kein bisschen, nur Macht und Geld. Als Barbaras Vater die Bücher der Kaiserin repariert, sieht ihre Mutter eine glänzende Zukunft vor ihr. Sie müsse sich der Kaiserin untergeben zeigen und ihr ihre Dienste anbieten. Dies ermögliche nicht nur ein sorgloses und wunderbares Leben, sondern auch einen guten Ehemann von Rang und mit Reichtum.
Als Sophie von Anhalt-Zerbst als zukünftige Ehefrau für den Thronfolger Peter ausgesucht wird und mit ihrer Mutter nach Russland reiste, beginnt eine wahre Tyrannei für sie. Zu Beginn tut sie einem einfach nur leid, weil ihre Mutter sie zu allem drängt, was nach ihrer Meinung gut für ihre Tochter sei. Sophie darf keine eigene Meinung haben, aber das darf in Gegenwart der Kaiserin sowieso niemand.

Barbara hatte es nicht einfach, als sie als vierzehnjähriges Mädchen in den Winterpalast kam. Ihre Eltern waren tot, sie hatte niemanden mehr, an den sie sich anlehnen oder bei dem sie sich ausweinen konnte. Die anderen Dienstmädchen halfen ihr nicht, sobald sie erfuhren, dass sie keine gebürtige Russin ist. Am Liebsten hätte man ihr geraten, den Palast zu verlassen. Aber wo hätte sie hingehen sollen - jung und mittellos?
Ihr einziger Ausweg ist die Gunst der Kaiserin, die ihr nach einiger Zeit gewährt wird, weil sich Elisabeth an ihr Versprechen zu Barbaras Vater erinnert, dass sie sich um sie sorgen wird. Sie darf nun bessere Arbeiten verrichten und Aufträge im Dienste ihrer Majestät erledigen.
Zur gleichen Zeit lernt sie Bestuschew, den Kanzler Russlands kennen, der sie unter seine Fittiche nimmt und sie zu einer Spionin ausbildet. Von nun an entgeht Barbara nicht das kleinste Detail am kaiserlichen Hof und jede Nacht berichtet sie der Kaiserin davon.

Es ist schon erstaunlich, wie viele Intrigen es hinter den Türen gibt. Durch den gesamten Roman wird deutlich, dass Barbara wirklich auf alle Kleinigkeiten achtet, selbst wenn es nicht zu spionischen Zwecken ist. Jedes hohle Buch, jedes Guckloch und jede knarzende Bodendiele ist ihr bekannt. Jedoch weiß sie auch ganz genau, was sie der Kaiserin berichten soll - je nachdem, wie ihre Launen sind. Am meisten interessiert sie natürlich der Hofklatsch, bei dem sie sich amüsieren kann.
Die Lage wird erst heikler, als Sophie, in Russland als Katharina bekannt, den Kronprinzen heiratet. Von nun an liegt das Augenmerk der Kaiserin auf ihr. Gefühle sind auch ihr gleichgültig. Sie will nur wissen, wie die beiden miteinander umgehen, ob Katharina Liebhaber empfängt, wem sie schreibt und ob endlich ein Thronfolger in Sicht ist.
Auch heutzutage ist Letzteres eine wahrliche Pflicht. Nach der Heirat eines Mitgliedes des Königshauses erwartet man spätestens ein Jahr danach ein Kind - am besten einen Sohn, da Mädchen nicht so viel wert sind.

Trotz all der Intrigen, versucht Barbara immer ehrlich zu sein und genauso loyal steht sie an Katharinas Seite, denn niemand anderes tut dies. Sie berichtet ihr haargenau, was im Schlafzimmer der Kaiserin vor sich geht.
Nach einer Weile weiß man überhaupt nicht mehr, wem man trauen soll. Nach einiger Zeit wird jeder entlarvt und es ist unglaublich, wenn man die Wahrheit erfährt. Leider ist auch Barbara nicht davor geschützt.
Die Kaiserin verheiratet sie mit einem Soldaten. Zunächst ist Barbara entsetzt und empört, aber mit der Zeit findet sie sich damit ab. Ich kann nicht wirklich behaupten, dass sie ihn sehr geliebt hätte, aber sie baute eine Beziehung zu ihm auf - immerhin schenkte er ihr das größte Glück in ihrem bisherigen Leben: ihre Tochter Darja.
In dieser Zeit jedoch ist Barbara nicht bei Hof und kann Katharina jahrelang nur durch verschlüsselte Briefe Mut zusprechen. Denn jeder einzelne Brief wird kontrolliert und gelesen. Die Intrigen nehmen kein Ende.

Erst nach sieben Jahren wird Katharina schwanger. Aber nicht von ihrem Mann, der sie nicht einmal anrührt, sondern von einem heimlich Beauftragten. Katharinas Welt bricht immer weiter in sich zusammen, als sie mehrere Fehlgeburten erleidet und ihr ihr Sohn schließlich direkt nach der Geburt von der Kaiser weggenommen wird. Sie darf ihren Sohn gerade mal eine handvoll Male im Jahr sehen und dann nur in Anwesenheit der Kaiserin.
Elisabeth wird immer grausamer. Ich frage mich, warum sie nicht selbst Kinder bekommen hat, wenn sie doch so gerne eines wollte. Zu Katharinas Sohn ist sie wie eine wahre und fürsorgliche Mutter.

Und so ziehen sich die Jahre hin, bis es zum Krieg kommt. In dieser Zeit beginnt Katharina Pläne zu schmieden. Sie will nicht mehr bevormundet werden. Sie will nicht mehr alleine leben, denn ihr Mann vergnügt sich in ihrem Schlafzimmer mit seiner Mätresse. Sie trauert weder ihrem alten Leben, noch ihrem Kind hinterher. Sie entwickelt eine unglaubliche Entschlossenheit, um es all denjenigen heimzuzahlen, die ihr Leben zerstört haben.
Die Geschichte ist unglaublich spannend zu verfolgen und immer wieder gibt es Überraschungen, die uns in Atem halten. Der Anfang allerdings ist etwas langatmig, weil alles erst noch beschrieben wird, aber die Handlung leidet später nicht darunter.
Mit den russischen Namen kam ich gut zurecht, allerdings traten teilweise so viele Charaktere auf, dass man manchmal gar nicht mehr so genau wusste, wer nun dieser oder jener war. Am Ende des Buches gibt es aber noch einmal eine kleine Auflistung zur Hilfe.

Der Winterpalast begeistert durch eine spannende und sehr überraschende Handlung, die uns immer wieder aufzeigt, dass man eigentlich niemandem wirklich vertrauen kann. Man kann nur sich selbst vertrauen. Man erhält nicht immer die Lorbeeren, die man verdient und dennoch sollte man sich nicht unterkriegen lassen.

4 Marshmallows

 "Eine Prinzessin bei Hof braucht immer schöne und kluge Mädchen, die ihr dienen, Barbara. Wenn du erst einmal im Winterpalast bist, ist nichts mehr unmöglich." (S. 27)

"[...] Ich musste mir immer bewusst halten, wie die anderen mich sehen. Ich bin immer ein Gast, Warenka. Evangelisch und Evangelischen, orthodox unter Orthodoxen, deutsch unter Deutschen, russisch unter Russen. Aber wer ich bin, wenn ich allein bin? Ich weiß es nicht mehr." (S. 129)

Herrschen heißt, die Schwächen des menschlichen Herzens zu erkennen und sie zum eigenen Vorteil zu nutzen. (S. 518)

Kommentare:

  1. Hey,
    tolle Rezension !!! Ich finde es total klasse, dass du dir so viel Zeit für eine Rezension nimmst und dann so ausführlich über deine Eindrücke zum Buch schreibst.
    Ich hab mich auch mal auf deinem Blog umgeschaut und finde ihn sehr schön.
    Viele liebe Grüße,
    Liesa
    http://immer-mit-buch.blogspot.de/

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  2. Liebe Dani,
    ich habe dich getaggt und hoffe du hast Lust mitzumachen:-) Liebe Grüße Petra
    www.papierundtintenwelten.blogspot.de

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  3. Ich kann mich nur anschließen! Schöne Rezension! Das Buch hatte ich schon bei Amazon gesehen und auf meinen Wunschzettel gesetzt. Deine Rezension hat mich so richtig zum Kauf animiert! :)

    Liebe Grüße

    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

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  4. Hallo!

    Tolle Rezension. Ich habe mir das Buch aus der Bibliothek ausgeliehen und freue mich schon sehr drauf, es zu lesen.

    Alles Liebe, Jule

    Magst du mal bei mir vorbeischauen? Ich würde mich sehr freuen :)
    http://good-books-never-end.blogspot.de/

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