Montag, 30. Dezember 2013

[Rezension] Mercy Falls #1 - Nach dem Sommer (Maggie Stiefvater)

Titel: Nach dem Sommer
Autorin: Maggie Stiefvater
Band 1 der Mercy-Falls Trilogie
Verlag: Script5
Seiten: 421
Genre: Fantasy/Romanze
Preis: 18,90€ für den Einzelband oder
         29,95€ für den gesamten Schuber

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Klappentext:
Jeden Winter wartet Grace darauf, dass die Wölfe in die Wälder von Mercy Falls zurückkehren - und mit ihnen der Wolf mit den goldenen Augen. Ihr Wolf.

Ganz in der Nähe und doch unerreichbar für sie, lebt Sam ein zerrissenes Leben: In der Geborgenheit seines Wolfsrudels trotzt er Eis, Kälte und Schnee, bis die Wärme des Sommers ihn von seiner Wolfsgestalt befreit. In den wenigen kostbaren Monaten als Mensch beobachtet er Grace von fern, ohne sie jemals anzusprechen - bevor die Kälte ihn wieder in seine andere Gestalt zwingt.

Doch in diesem Jahr ist alles anders: Sam weiß, dass es sein letzter Sommer als Mensch sein wird. Es ist September, als Grace den Jungen mit dem bernsteinfarbenen Blick erkennt und sich verliebt. Aber jeder Tag, der vergeht, bringt den Winter näher - und mit ihm den endgültigen Abschied.
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Ich erinnere mich, wie ich im Schnee lag, ein kleines, warmes Bündel, das langsam kälter wurde.

Diese zauberhafte Geschichte ist anders, als alle mit übernatürlichen Wesen, die ich bisher gelesen habe. Sie ist zart, authentisch und die Emotionen brechen laufend über einen herein, da man sich so gut mit den Charakteren identifizieren kann. Obwohl es eine Fantasygeschichte ist, glaubt man wirklich daran, dass einem eines Tages dasselbe passieren könnte.

Das Cover ist wunderschön. Es ist schlicht, erregt aber natürlich die Aufmerksamkeit mit dem Mädchen und dem Wolf, die mit einem Herz zwischen ihnen auf diesem Ast einander gegenüber stehen. Man sieht deutlich, dass er ein wirklicher Wolf ist, weil er heult und sie streckt die Hand nach ihm aus - vor lauter Sehnsucht.
Der Titel passt ganz herrlich zur Geschichte. Denn die Jahreszeiten und ihre Temperaturen spielen eine ganz entscheidende Rolle.

Grace führt ein normales Leben in der Kleinstadt Mercy Falls. Ein fast normales Leben. Seit sie als kleines Mädchen von den Wölfen des Waldes angegriffen und von einem von ihnen gerettet worden ist, beobachtet sie jedes Jahr im Winter ihren Wolf. Doch alles ändert sich, als dieser plötzlich als leibhaftiger Mensch vor ihr steht. Denn Sam verwandelt sich bei Kälte, also im Winter, in einen Wolf und jedes Jahr dauert es länger bis er wieder ein Mensch wird. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte Liebe, doch es ist Sam's letztes Jahr, in dem er sich in einen Menschen verwandeln wird...

Obwohl sich die Geschichte genauso abspielt, wie der Klappentext es verrät, hatte ich mir doch etwas anderes unter der zarten Geschichte vorgestellt, deren Reihentitel wie ein Gedicht klingen. Nun im Nachhinein kann ich gar nicht mehr sagen, was ich erwartet habe, denn die Geschichte hat mich ziemlich geplättet und ich bin total verzaubert. Es gibt viele Bücher um übernatürliche Wesen und viele Autoren denken sich neue Eigenschaften aus, damit ihre Wesen gut in Erinnerung bleiben. Aber eine solche Geschichte mit solchen Umständen hatte ich noch nie vor mir.
Werwölfe, die sich bei genügend Wärme im Sommer zurück in einen Menschen verwandeln bis es wieder kalt genug ist, damit sie den Winter als Wolf verbringen können. Das klingt zauberhaft und wäre es wohl auch, wenn es da nicht zwei Komplikationen gäbe... Zum Einen ist die Verwandlung sehr schmerzhaft, weil man auch sein menschliches Ich loslassen muss, um ein Wolf zum werden. Zum Anderen ist im Laufe der Jahre immer mehr Wärme notwendig, damit sich der Wolf wieder in den Menschen verwandelt - bis er es irgendwann gar nicht mehr kann.

Und genau hier setzt die Geschichte an. Grace beobachtet schon seit vielen Jahren den Wolf mit den gelben Augen, der ihr als kleines Mädchen bei dem Angriff das Leben rettete. Es scheint, dass auch er sich an sie erinnert und sie immer aus dem Wald heraus beobachtet. Grace fragt sich oft, wie es wäre, wenn auch sie ein Wolf wäre und gemeinsam mit ihm durch die Wälder streifen könnte. Eines Tages wird ihr Wunsch erfüllt, wenn auch anders, als sie es erwartet hat.
Einer ihrer Mitschüler, Jack, wird von Wölfen angegriffen. Alle sind erschüttert über seinen Tod und schon wird Jagd auf die Wölfe gemacht. Als Grace's Wolf verletzt wird, passiert das Unfassbare. Er verwandelt sich in einen Menschen.

Grace rettet ihm natürlich das Leben und versteckt ihn in ihrem Zimmer, da ihre Eltern sich sowieso nie um sie kümmern. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte Liebe, die unglaublich schön zu beobachten ist. Die Kapitel sind entweder aus Sam's oder aus Grace's Sicht geschrieben und so bekommt man einen sehr guten Einblick in die Gefühlswelten beider Protagonisten. Sam sehnt sich bereits seit dem Angriff nach Grace's Nähe und da er nun ein Mensch ist, was aufgrund der fortschreitenden Kälte eigentlich nicht eintreten hätte sollen, scheint sein Traum endlich in greifbare Nähe gerückt zu sein. Grace sehnte sich auch immer nach Sam, jedoch sah sie ihn ja immer als Wolf und kann diesen Gedanken nicht abschütteln.
Dennoch hat sie keine Angst vor ihm und diese Gefühlswelten machen die Geschichte so unglaublich emotional. Denn beide haben ihre Wünsche und Ängste und egal, wie sie es drehen und wenden, ihr Glück kann nicht lange anhalten.

Man merkt wirklich, wie beide immer hin und hergerissen sind zwischen dem Leben als Mensch und dem Leben als Wolf. Eigentlich hätte Grace damals bei dem Angriff ein Werwolf werden müssen, da sie gebissen wurde, aber dies ist nie eingetreten. Nur ihre Sinne sind geschärfter als bei anderen Menschen. Obwohl sie es liebt, mit Sam gemeinsam Zeit zu verbringen, so stellt sie sich auch oft vor, dass sie gemeinsam als Wölfe durch die Wälder streifen. Sie will oder kann einfach nicht verstehen, warum Sam das nicht will.
Sam's Zerrissenheit ist sehr gut nachzuvollziehen. Der Wolf ist ein Teil von ihm, weshalb er sich nicht lossagen kann. Bevor man sich verwandelt, hat man das starke Bedürfnis, endlich wieder frei durch den Schnee zu rennen. Aber seine Liebe zu Grace ist so stark, dass er es einige Male verhindern kann, sich zu verwandeln. Er möchte für immer bei ihr sein und kann gar nicht verstehen, warum sie ausgerechnet einen Freak wie ihn liebt oder warum sie ab und zu davon träumt, eine Wölfin zu sein.

Neben diesem Gefühlschaos gibt es aber noch weitere Probleme, denen sich die beiden stellen müssen. Denn Jack ist nie gestorben. Er ist ein Werwolf geworden und streift nun - instabil und sich ständig verwandelnd - durch die Wälder und ist eine Gefahr für alle. Außerdem gibt es in Sam's Rudel eine weiße Wölfin namens Shelby, die es liebt eine Wölfin zu sein und am Liebsten nie wieder ein Mensch sein will. Sie ist machtbesessen und da Sam gute Aussichten auf den zukünftigen Posten des Rudelführers hat, möchte sie jeden loswerden, der ihr dabei im Weg steht, an Sam's Seite zu sein. Und nun steht ihr Grace im Weg.
All dies erscheint ab und zu etwas viel, aber man wird trotzdem nie von der Handlung überfahren. Alles bleibt in seinem Rahmen und die Mischung zwischen Liebe und Gefahr ist ein absolute Nervenkitzel.

Sehr gut finde ich auch, dass die Menschen, die zuvor in Grace's Leben waren, nicht einfach ausgelöscht werden, sobald sie Sam als Menschen kennen und lieben lernt. Das passiert oft bei diesen Fantasieromanen. Hin und wieder trifft sie auf ihre Freunde und spricht mit ihnen und obwohl sie doch fern erscheinen, spricht Grace offen aus, dass ihr ihr altes Leben sehr weit weg vorkommt. Sie ist bisher die erste Protagonistin, die mir einfällt, die auch wirklich eine Erklärung dafür hat und ihr altes Leben nicht einfach wegschließt, als wäre es niemals dagewesen. Immerhin muss das normale Leben vorher ja nicht nur ein Mittel des Autors sein, um den drastischen Lebenswandel darzustellen. In diesem Roman spielt sogar ein Mensch eine große Rolle, den Grace in ihrem alten Leben gar nicht auf dem Radar gehabt hat.

An Nach dem Sommer gefällt mir die Mischung zwischen Liebe und Gefahr sehr. Aber diese gibt es auch in anderen Geschichten. Was diese Liebesgeschichte so besonders macht, ist der besondere Umstand, unter dem Sam zum Mensch geworden ist. Und die Tatsache, dass ihnen nicht viel Zeit bleibt, was wirklich grausam ist. Sie leben in der ständigen Angst, dass Sam sich verwandelt, sobald Grace auch nur das Fenster leicht öffnet.
Die eigentliche Angst von Sam allerdings ist nicht, dass er für immer ein Wolf werden könnte oder dass die Schmerzen so heftig sind. Er hat Angst davor, dass er Grace für immer vergisst. Denn als Wolf erinnert man sich nicht an alles Menschliche und mit der Zeit verliert er all seine Erinnerungen. Und das ist auch eine weitere Komplikation des Verwandelns. Was uns als zauber- und märchenhaft verkauft wurde, ist in Wahrheit nur grausam für alle Beteiligten.

Nach dem Sommer ist eine zarte Liebesgeschichte, die es in einer solchen Art und Weise noch nicht gegeben hat. Die drohende Gefahr durch die Kälte des Winters ist die ganze Zeit präsent, ebenso wie die Gefahr durch einen instabilen Wolf, der die Beziehung zwischen Grace und Sam schwierig macht. Ihre Gefühle und Ängste stehen ihnen manchmal selbst im Weg, aber sie sind so real, wie ein Herbstblatt, dass knisternd zwischen den Fingern zerfällt.

5 Marshmallows

"Manchmal wünsche ich mir, ich hätte mich verwandelt."
[...]
"Ja, manchmal wünsche ich mir das auch." (S. 89)

Wir Wölfe taten so einiges: Wir verwandelten uns, versteckten uns, sange unter einem blassen, einsamen Mond - aber nie verschwanden wir ganz. Menschen verschwanden. Menschen machten uns zu Ungeheuern.
(S. 273)

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