Freitag, 6. Dezember 2013

[Rezension] The Bone Season - Die Träumerin (Samantha Shannon)

Titel: The Bone Season - Die Träumerin
Autorin: Samantha Shannon
Band 1 der Reihe
Seiten: 601
Genre: Fantasy
Preis: 16,99€

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Klappentext: 
Deine Gedanken sind frei. Du nicht.
Sie ist stark, sie ist schnell und sie kann etwas, was sonst niemand kann: in das Bewusstsein anderer eindringen. In einer Welt, in der Freiheit verachtet und Träume verboten sind, wächst die junge Paige zu einer Kämpferin heran. Doch dann wird sie erwischt und in eine geheime Stadt verschleppt, in der ein fremdes Volk herrscht, die Rephaim. Und wo sie Arcturus trifft, den jungen Rephait mit den goldenen Augen. Er ist das schönste und unheimlichste Wesen, das sie je gesehen hat. Seine Gedanken sind ihr ein Rätsel. Und ausgerechnet ihm soll Paige von nun an als Sklavin dienen...

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 Ich stelle mir gerade vor, dass es am Anfang mehr von uns gegeben hat.

Mit The Bone Season - Die Träumerin bringt und die Autorin eine Welt näher, die uns wohl eher Angst macht und uns abschreckt - die Welt der Geister und Seher. Widernatürliches stößt uns ab, weil wir es nicht verstehen können und dies ist auch die Grundstimmung des Romans. Allerdings erfahren wir eine andere Sicht auf die Dinge und lernen, zu verstehen. Nicht alles, was anders ist, ist auch schlecht.

Das Cover ist wirklich wunderschön! Ich liebe Blautöne in allen Variationen, besonders dunkles Blau. Hier sind zwei Varianten miteinander vereint und mit dem Schwarz ein Blickfang für das Bücherregal. Mit goldener Schrift springt uns sofort der Titel ins Auge, der durch die "Pyramidenaufstellung" wunderbar harmonisch ins Bild passt. Der rote Blume mit dem Anker in sich wird im Buch noch eine besondere Bedeutung zuteil. Obwohl die hellen Zeiger das Cover interessant machen, konnte ich keinen Bezug zur Geschichte herstellen.
Der Titel ist für unsere deutsche Übersetzung nicht sofort auf die Geschichte anwendbar. Aber schon bald erfährt man, was es mit der Bone Season - der Knochenernte auf sich hat. Ohne viel verraten zu bekommen, steigen wir in die Geschichte ein und können uns überraschen lassen.

Unsere Welt in der Zukunft. Es hat sich eine neue Rasse entwickelt: Die Seher. Auf verschiedenste Weise können sie mit dem Aether - der Weltseele - Kontakt aufnehmen und mit Geistern kommunizieren. Sie gelten als widernatürlich und werden von der herrschenden Macht, Scion, gejagt. Im Untergrund arbeitet Paige Mahoney. Sie ist eine Traumwandlerin, kann ihren Körper verlassen und umherstreifen. Allerdings ist ihre Gabe noch nicht ausgereift, weil sie sehr selten und daher kaum Hilfe zu erwarten ist. Eines Tages wird Paige erwischt, verhaftet und in ein Straflager gebracht. Doch es ist kein Straflager von Scion, sondern von einer höheren Macht und Paige soll von nun an dem Wächter als Sklavin dienen - in einer völlig fremden Welt, die ihr erst die Augen für die wirkliche Welt öffnet...

Die Geschichte um Paige Mahoney und der Welt, in der sie lebt, haben mich wirklich neugierig gemacht. Ich kenne eigentlich keine Geschichten über Geister und Seher und da mir das Thema etwas unheimlich ist, habe ich auch nie wirklich danach gesucht. Aber wir sind hier ja im fiktiven Bereich und da war es dann doch kein Problem ;)
Unsere Welt in der Zukunft, die sich Samantha Shannon erdacht hat, ist wirklich sehr gut ausgearbeitet und logisch nachzuvollziehen, sogar wie sie entstanden ist. Alles wird gut erklärt und die Gestaltung des Buches hilft sehr dabei, alles noch besser zu verstehen. Zu Beginn hat man die sieben Kasten der Seher, um sich einen Überblick zu verschaffen, welche Arten von Sehern es überhaupt gibt und was sie können. Im Laufe des Buches werden wir aber noch feststellen, dass hier nicht alle aufgelistet sind und somit auch ein paar Überraschungen auf uns warten. Desweiteren finden wir noch eine Karte des Straflagers zur besseren Orientierung und im Anhang einen Glossar. Diesen jedoch habe ich mir erst nach dem Beenden der Geschichte durchgelesen, somit kann man alle Begriffe und deren Bedeutung noch einmal auffrischen.

Ich muss zugeben, dass ich auf den ersten vierzig Seiten doch so meine Probleme hatte. Man steigt indirekt in die Geschichte ein - es gibt zwar Handlung, aber man ist nicht gleich ins Geschehen hineingeworfen. Aus Paige's Sicht erfahren wir dies und das über ihr Leben und die Welt von Scion. Jedoch bleibt es zunächst bei diesem 'dies und das' und man kann nur schwer nachvollziehen, unter welchen Umständen wir uns hier gerade befinden. Man muss sich für den Anfang wirklich Zeit und einige ruhige Minuten geben, ansonsten ist man gleich raus. Erst mit dem Fortschreiten der Geschichte erfahren wir mehr über das Leben in der Zitadelle in London und wie Paige als eine der Sieben Siegel im Untergrund gegen Scion arbeitet. Das Leben ist hart, Tag und Nacht werden die Seher gejagt, verhaftet, gefoltert und getötet. Sie sind widernatürlich und somit ein Feind der Menschen. 
Kaum hat man ungefähr begriffen, wie das Leben dort sein muss, wird man schon in eine neue Welt hineingeworfen - in das Straflager Sheol I. Hier jedoch ist das Verständnis leichter und früher, sodass man mitten in der Geschichte ist. Paige und somit auch wir sind total unwissend, denn das Straflager ist nicht von Scion besetzt und überwacht. Im Laufe des Lebens dort erfahren wir auch mehr über Paige's Leben - wie sie entdeckte, dass sie eine Seherin ist; wie ihr geholfen wurde, damit umzugehen und es geheimzuhalten und wie sie ihren Weg zu Jaxon Hall fand, dem Weißen Fesselmeister und Oberhaupt der Sieben Siegel.

Sheol I untersteht dem Befehl der Rephaim. Sie sind vor zweihundert Jahren aus der Unterwelt gekommen. Sie sind keine Menschen, können daher auch nicht mit herkömmlichen Waffen getötet werden. Sie sind grausam und veranstalten alle zehn Jahre eine Knochenernte. Dazu sammeln sie eine Dekade lang in ganz England Seher, um sie in den Tower sperren zu lassen und sie alle am Tag der Knochenernte nach Sheol I zu bringen. Natürlich hat auch Scion seine Finger im Spiel, jedoch merkt man von deren Anwesenheit im Lager nichts. Scion hat die Rephaim aus der Unterwelt geholt, damit diese die Seher aus der menschlichen Gesellschaft 'entfernen'. Jedoch bleibt es nicht dabei. Auch Menschen werden mit verschleppt und als Diener eingesetzt. Niemand hat jemals das Straflager lebend verlassen.
Das System der Rephaim ist grausam. Ihr neuen Schützlinge werden von den Ranghöchsten ausgewählt und ausgebildet. Versagen sie bei ihren Prüfungen, werden sie zu Akrobaten, die in der verwahrlosten Hüttensiedlung leben und wie Abschaum behandelt werden. Zeigen sie Furcht, werden sie als Geldjacke gekennzeichnet, als Feigling. Sollten sie ihre erste Prüfung bestehen, erhalten sie eine rosafarbene Tunika und wenn sie dann einem der grausamsten und fürchterlichsten Wesen der Welt entgegentreten und Mut zeigen, werden sie zur Rotjacke.
Eine Rotjacke ist der höchste Rang, den ein Seher erreichen kann. Damit genießen sie Privilegien. Allerdings fällt ihnen die Aufgabe zu, Sheol I vor den Emim zu schützen. Die Emim sind grauenvolle Wesen, die nur sehr schwer zu bekämpfen sind und eine eklige Gier nach Fleisch haben. Wenn man nicht aufpasst, haben sie einem schon den Arm abgebissen.
 
Paige wird von dem Blutgefährten der Herrscherin in Sheol I aufgenommen und soll von nun an seine Sklavin sein. Doch der Wächter, sein Name ist Arcturus, ist anders als die anderen. Paige darf zu bestimmten Zeiten die Residenz verlassen, auf den Straßen umherstreifen und bekommt ein eigenes Zimmer. Die anderen haben nicht so viel Glück: Sie werden hart und unablässig trainiert und täglich von ihren Ausbildern blutig geprügelt.
Paige ist ein fürsorglicher Mensch. Sie kümmert sich um einen kleinen Menschenjungen, der fälschlicherweise mit verschleppt worden ist. Und sie freundet sich mit Akrobaten aus der Hüttensiedlung an und schenkt ihnen heimlich zu essen.
Jedoch missachtet sie oft genug die Regeln und diese Situationen sind wirklich sehr brenzlig. Die Gewaltbereitschaft der Rephaim und auch der Rotjacken ist grenzenlos und sie fühlen sich den 'normalen' Sehern überlegen. Und doch wird Paige niemals vom Wächter bestraft. Dieser Umstand macht sie mutiger, immer wieder die Regeln zu brechen, aber auch nachdenklich. Welches Motiv könnte der Wächter haben, sie nicht zu bestrafen oder sie nicht so hart auszubilden?
 
Lange erfahren wir die Antwort darauf nicht. Immer wieder überrascht uns der Wächter mit Enthüllungen. Da wir ihn aus Paige's Sicht kennenlernen, empfinden wir Hass und Abneigung ihm gegenüber. Aber diese bröckelt immer mehr, weil er so freundlich ist. Und bald schon bringt er Paige bei, wie sie ihre Gabe richtig zur Verteidigung und zum Angriff nutzen kann.
Seine Art ist nicht einfach einzuschätzen, aber ich mag ihn sehr. Seine Verschlossenheit gilt nur zum Schutz von Paige und manchmal ist er so zurückgezogen, dass er nicht einmal mit ihr spricht. Allerdings habe ich ihn die ganze Zeit irgendwie positiv gesehen. Man merkt einfach den Unterschied darin, wie er Paige behandelt und wie die anderen von ihren Hütern behandelt werden. Sie scheinen auf einer Augenhöhe zu sein - wie Partner und doch kann man das Ganze nicht vollständig verstehen und erfassen.

Das Hauptziel von Paige ist natürlich, aus Sheol I zu fliehen und wieder zu ihrer Gang zurückzukehren. Allerdings wird ihr mit der Zeit immer mehr bewusst, dass sie nicht einfach so abhauen kann. Sie weiß jetzt. Und Wissen lässt sich nicht einfach so wieder vergessen. Was wäre sie auch für ein Mensch, wenn sie das alles irgendwie einfach hinter sich lassen und alles vergessen würde? Deshalb sammelt sie weiter Informationen, um alle befreien zu können.
Allerdings droht ihr noch weitere Gefahr. Nashira, die Herrscherin von Sheol I ist besessen davon, Geister um sich zu scharen und deren Seher-Fähigkeiten in sich aufzunehmen. Sie ist sehr grausam und nimmt keine Rücksicht auf niemanden. Da Paige als Traumwandlerin eine sehr seltene Gabe hat, will Nashira sie unbedingt für sich beanspruchen. Deshalb sucht sie immer wieder nach Möglichkeiten, Paige auszuschalten.
 
Die Geschichte baut sich wirklich sehr gut auf. Es gibt Geheimnisse, die es zu lüften gilt und Nebenhandlungen, die uns durch andere Seher das Leben im Straflager näher bringen. Zudem gibt es aber auch noch ein großes Motiv: Selbstfindung. Paige zeichnet sich durch ihre einzigartige Gabe aus. Jedoch scheint jeder in ihr nur die Traumwandlerin zu sehen. Und das war schon immer so. Deshalb sieht sie sich auch immer nur als die Seherin mit der besonderen Gabe. Da sie auch wieder nur als 'Ware' in Sheol I behandelt wird, beginnt sie zu zweifeln. Gibt es überhaupt jemanden, der sie um ihretwillen mag? Sie muss erst noch lernen, dass hinter der Gabe auch noch ein Mensch mit einer Persönlichkeit steckt und dass sie sich mit der Gabe abfinden und identifizieren muss.
 
Der Roman hat mir sehr gut gefallen. Die Geschichte ist gut strukturiert, die Charaktere interessant ausgearbeitet und liebenswürdig oder verabscheuungswürdig. Die Handlung wird immer vorangetrieben und es gibt immer sehr viel Spannung und brenzlige Situationen und so kommt es dazu, dass sich Paige und der Wächter gegenseitig mehrmals das Leben retten.
Das Ende ist wirklich gemein, aber es handelt sich ja um eine ganze Buchreihe, deshalb hoffe ich, dass die Autorin sehr bald schnell weiterschreibt. Ich kann es gar nicht erwarten, wie es nun weitergehen soll.
 
The Bone Season - Die Träumerin zeigt uns eine unbekannte Welt, in die wir uns aber sehr gut einfinden können. Dazu tut sich plötzlich eine Parallelwelt auf, die mit Spannung, interessanten Charakteren und einer Menge Geheimnissen die Handlung maßgeblich vorantreibt. Paige muss sich nicht nur ihrer Gabe und somit auch einem Selbstfindungsprozess stellen, sondern sich auch zwischen Freund und Feind entscheiden und ob sie einem möglichen Feind vertrauen kann.

4 Marshmallows

"Und wie willst du mich behandeln?"
"Wie eine Schülerin, nicht wie eine Sklavin."
(S. 283)

1 Kommentar:

  1. Ich bin schon sehr gespannt auf diese Reihe! Die Autorin wird ja schon mit J. K. Rowling verglichen.... :)

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