Dienstag, 19. November 2013

[Rezension] Masken (Mara Lang)

Titel: Masken - Unter magischer Herrschaft
Autorin: Mara Lang
Einzelband
Verlag: Knaur
Seiten: 602
Genre: Fantasy
Preis: 14,99€

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Klappentext:
Die Maske verspricht dir die Schönheit, von der du immer geträumt hast.
Doch welchen Preis bist du bereit, dafür zu zahlen?
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 Ein Spiegel aus glänzendem Fell.

Mit Masken entführt uns Mara Lang in eine uns unbekannte Welt mit unbekannten Regeln und einer Konvention, die das Volk in zwei Schichten spaltet. Eine Welt, in der wir ganz bestimmt nicht leben möchten, auch wenn wir magischen Fähigkeiten haben könnten. Ihre Idee ist wirklich einzigartig, noch nie habe ich etwas derartiges gelesen und ich bin wirklich froh, dass wir nicht mit Masken auf unseren Gesichtern leben müssen, die uns vergessen lassen, wer wir sind und was uns ausmacht.

Das Cover gefällt mir unglaublich gut! Es bietet uns sofort eine düstere Atmosphäre und lässt uns schon erahnen, dass die Masken etwas Negatives darstellen.. Allerdings muss ich sagen, dass es nichts mit dem Inhalt zutun hat. Dennoch gefällt es mir, denn der Blick des Mädchens zusammen mit den roten Augen lassen einen schon erzittern.
Der Titel passt hervorragend. Mit "Masken" wird uns bereits der grobe Rahmen genannt, in welchem sich die eigentliche Handlung abspielt. Der Untertitel "Unter magischer Herrschaft" wird erst spät aufgelöst, ist aber dennoch genial, da er uns die Lösung praktisch auf einem Silbertablett serviert, wir diese aber dennoch nicht erkennen.

Im isolierten Land Merdhug sind die Bürger durch eine Zwei-Klasse-Gesellschaft geteilt. Die Erwachsenen - die über Siebzehnjährigen - sind die sogenannten Merdhuger, freie Menschen im Land und tragen eine Maske, die ihnen ein neues Gesicht gibt. Jüngere Bürger sind die Pheytaner, die mit grauer Kleidung, gesenktem Kopf und Redeverbot der Maskierung, dem Tag ihrer Freiheit, entgegensehnen.
Ferin ist eine Pheytana und kann es gar nicht erwarten, endlich in Freiheit zu leben. Allerdings wird ihr schlimmster Albtraum zur Wirklichkeit: Zwei Tage nach der Maskierung zerfällt ihre Maske zu Staub und sie wird in ein Gefangenenlager mit aufständischen Pheytanern gebracht. Auf dem Weg dorthin wird sie von Rebellen gerettet und lebt ab nun als Ausgestoßene in derem Dorf...

Das Buch ist eine wahre Überraschungskiste. Es entwickelt sich in eine Richtung, mit der ich überhaupt nicht gerechnet habe. Sogleich werden wir ins Geschehen geworfen, in den Tag, an welchem Ferin ihre Maske erhält. Nur am Rande erfahren wir, wie das Leben zuvor für sie ausgesehen haben muss: Sie darf außerhalb ihres Hauses nur mit gesenktem Kopf durch bestimmte dunkle Gassen gehen und das Redeverbot hindert sie daran, wichtige Fragen zu stellen. Siebzehn Jahre sind eine lange Zeit und da es die ersten siebzehn Jahre eines Menschenlebens sind, kann ich mir gar nicht vorstellen, wie man mit der Maske plötzlich ein ganz anderes Leben führen soll - mit Privilegien, sicher, aber dennoch kann Gelerntes und in die Seele Gemeißeltes doch nicht einfach vergessen werden. Jedoch ist dies eine der Eigenschaften der Maske: Sie lässt vergessen. Es ist so, als beginne man sein Leben im Alter von siebzehn Jahren. Und genau an diesem Punkt spaltet sich Ferin von den anderen ab. Sie ist schon immer sehr neugierig gewesen und sobald sie die Maske auf dem Gesicht hat, stellt sie Fragen über den Ursprung und Sinn der Konvention und somit auch der Maske. Jedoch sollte sie sich zügeln, denn niemand, der eine Maske trägt, denkt auch nur im Entferntesten daran, solche Fragen zu stellen.

Die Geschichte ist unglaublich gut aufgebaut und durchdacht. Man erwartet natürlich eine spannende und auch lehrreiche Geschichte über das Leben mit den Masken, allerdings geht die Autorin hier viel weiter. Die Masken sind nur eine grobe Metapher für das eigentlich Thema, welches sich in die Köpfe der Leser brennen sollte. Es geht um Selbstfindung. Ferin macht auf ihrem Weg zu sich selbst eine harte Zeit durch und sie muss so einiges hinnehmen. Ihr Leben lang war das einzige Ziel, die Maske und somit auch Freiheit zu erhalten. Sie erhofft sich damit, endlich die wahre Ferin in sich zu entdecken, allerdings läuft alles anders, als sie dachte. Als ihre Maske zerfällt und sie in ein Gefangenenlager gebracht werden soll, stürzt sie in ein tiefes Loch. Ihr Volk hat sie verstoßen, ihre Familie hat sich von ihr abgewandt und sie ist allein. Sie weiß nicht, was kommen wird und möchte lieber tot sein. Welchen Sinn hat das Leben noch, wenn sie die Maske abgestoßen hat? Ihre Freiheit ist dahin und damit auch ihr Wunsch, zu leben.
Als sie von den Rebellen befreit wird und von nun an in deren Dorf im Dschungel vom alten Land Pheytan leben soll, gibt sie sich selbst auf. Ihr ist unverständlich, dass sie sie gerettet haben. 

Doch hier gibt es den ersten Wendepunkt auf Ferin's Reise zu ihrem wahren Selbst. Die Rebellen zeigen ihr einen neuen Pfad auf, denn die Maske verspricht keine wahre Freiheit. Nach und nach lernt Ferin, was sich vor zweihundert Jahren zwischen den Merdhugern und den Pheytanern abgespielt hat. Die Masken sollten ein Leben in Frieden ermöglichen und die magischen Fähigkeiten der Pheytaner unterdrücken, damit es nie wieder zu so einem furchtbaren Krieg kommen würde. Jedoch ging diese Vereinbarung, die Konvention, einen ganz anderen Weg: Die Pheytaner sind nichts mehr wert und dürfen sich nur dann frei nennen, wenn sie mit der Maske ein Merdhuger geworden sind. Das Volk der Pheytaner kann zu mächtig werden und sich auflehnen. Dies wird durch die Maske verhindert. Die Rebellen wissen davon und entwickeln ihre magischen Fähigkeiten, jedoch sind sie zu wenige, um einen neuen Krieg zu entfachen.
Ferin ist eine Heilerin. Verletzungen heilten schon immer wahnsinnig schnell und deshalb hat ihr Körper die Maske auch abgestoßen. Sie lernt, damit zu leben und baut ihre Fähigkeit mithilfe des Magiers Sobenio weiter aus. Sie wird ein festes Mitglied der neuen Gemeinschaft und findet ihren Lebensmut wieder.

Es ist wirklich schön zu sehen, sie sehr sich Ferin entwickelt. Sie lebte das typische Leben einer unterdrückten Pheytana in Merdhug und sehnte sich nach der Maske und der Freiheit, die sie ihr verschaffen sollte. Dann stürzte sie in ein tiefes Loch, weil sich diese Freiheit nicht erfüllte. Sie betrat eine neue, eine andere Welt, mit anderen Ansichten und Lebenszielen. Sie fand sich mit der Situation ab, nie mehr zurückkehren zu können und wollte im Hier und Jetzt leben. Diese Entwicklung ist bewundernswert, weil ihre Ansichten eine 180-Grad-Wendung gemacht haben. Sie erkennt nun, dass die Maske nicht das ist, was sie vorgibt zu sein und Ferin setzt nun alles daran, das gesamte Volk der Pheytaner von diesen Fesseln zu befreien. Sie arbeitet tatkräftig bei der Planung mit und holt ihrerseits ihre manchmal zweifelnden Gefährten aus einem dunklen Loch heraus.
Besonders ihre Beziehung zu Rhys hat mir gut gefallen. Er ist wirklich wie ein bester Freund für sie und ich würde ihn am Liebsten aus dem Buch herausholen und Teil meines Lebens werden lassen ;) Er übernimmt immer wieder große Verantwortung gegenüber der Gruppe und würde alles für ihr Wohl tun.
Zusätzlich bringt die Autorin noch eine Liebesgeschichte ins Spiel, die den Selbstfindungsprozess wunderbar ergänzt und auch vorantreibt. Man merkt, dass Ferin noch etwas fehlt, bis sie ihre magischen Heilungsfähigkeiten perfektioniert hat. Sie tritt auf der Stelle und kommt nicht weiter. Bis sie eines Tages einen verletzten jungen Mann im Dschungel findet. Er gehört einem fremden Volk an - den Novjengos. Sie tragen Stacheln mit Gift an Armen und Beinen und können mithilfe magischer Kugeln durch die Welten reisen. Martu, so heißt der Fremde, verhilft Ferin zu ihrer endgültigen Stärke. Sie helfen sich gegenseitig.

Jeder, der das Buch gelesen hat, wird sicher meine Meinung teilen, wenn ich sage, die Idee mit den Tigern ist absolut wunderbar. Diese doch gefährlichen, aber auch wunderschönen Geschöpfe als Gefährten und Beschützer der Rebellen darzustellen, ist ein tolle Schachzug. Besonders daran hat mir gefallen, dass Ferin nach und nach ebenfalls eine Bindung zu ihnen aufbaut und die Szene am Teich, als sie auf Ziágal trifft, ist eine sehr schöne Vorstellung und hat mich zum Träumen angeregt.

Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Die Art, wie die Autorin die Masken als Metapher für den Selbstfindungsprozess verwendet, ist absolut einzigartig und wunderbar! Jedoch möchte ich noch den ein oder anderen Kritikpunkt anbringen. 
Natürlich gibt es in so einem dystopischen Roman immer das große Ziel, die Unterdrückungsmaßnahmen und die Herrschenden zu besiegen. Allerdings gibt es dennoch immer ein konkret formuliertes Ziel, welches man immer im Hinterkopf hat. Nachdem Ferin im Dorf angekommen ist, teilt sie das Leben dort. So angenehm dies auch zu lesen ist, man möchte ja nicht unbedingt unendlich an dem Dorfleben teilhaben. Ab und zu gibt es spannende Szenen, allerdings fehlt mir gerade in der Dorf-Zeit ein konkretes Ziel, welches die Handlung beabsichtigt zu erreichen. Als sich die Rebellen dann zu einem Gegenschlag entschließen, ist dieses Ziel wieder gegeben und macht die Geschichte rund.
Außerdem hatte ich ein wenig Probleme mit den Namen. Nicht nur Namen für Personen, sondern auch von Ländern und beschriebenen Dingen. Nur sehr wenige davon konnte ich im Kopf behalten und dazu zählen vorrangig die Namen der Hauptpersonen, die sehr oft vorkommen.

Masken glänzt mit der Einzigartigkeit, eine Metapher zu schaffen, die nicht zu banal ist und dennoch durch die Handlung rund gemacht wird. Der Entwicklungsprozess der Charaktere ist unglaublich toll zu beobachten und beneidenswert. Man verfolgt die Geschichte um Ferin sehr gerne und auf den letzten 100-150 Seiten ist die Spannung so hoch, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.

4 Marshmallows

Sie brauchte die Wahrheit nicht zu wissen. Und es war besser so. (S.48)

"[...] Ohne die Waffen erheben zu müssen, gelingt es den Merdhugern, unser Volk unter Kontrolle zu halten und zu unterdrücken." (S.127)

"[...] das Lesen, das Sichten alter Schriften und das Transkribieren in unsere Sprache - ich liebe es, wenn die Worte Bilder in meinen Verstand zaubern. Ich kann an allem teilhaben, ohne dabei gewesen zu sein." (S.352)

Vielleicht war das der beste Weg,  mit dem Tod eines geliebten Mensch umzugehen. Man musste ihn in Herz und Seele behalten, dort, wo er auch zu Lebzeiten zu Hause gewesen war. (S.597)


1 Kommentar:

  1. Freut mich, dass es dir auch so gefallen hat - und nun bin ich ganz gespannt auf die Rezi zum "Puls von Jandur" :-)

    lg
    Steffi

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