Samstag, 16. November 2013

[Rezension] Himmelsfern (Jennifer Benkau)

Titel: Himmelsfern
Autorin: Jennifer Benkau
Einzelband
Verlag: Script5
Seiten: 496
Genre: Fantasy/Romanze
Preis: 18,95€

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Klappentext:
In diesem Moment lernte ich etwas, das ich zuvor nicht zu begreifen imstande gewesen war, weil sich manches erst verstehen lässt, wenn man es selbst erlebt. Ich lernte, dass das Gefühl, jemanden zu lieben, nichts mit Zärtlichkeit zu tun haben muss. Ganz im Gegenteil, es kann gewaltsam sein, brutal, quälend, von tausend Zweifeln durchsetzt.

Der Traum vom Fliegen ist sein Albtraum und Noa, das Mädchen, das mit dem Feuer tanzt, seine Hoffnung. Doch ihnen bleiben nur zwei Wochen.
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Das Gefühl überkam mich flüchtig wie ein Déjá-vu von fallenden Federn und gleichzeitig drängend, als drücke eine Hand gegen meine Brust.

Mit Himmelsfern gibt uns Jennifer Benkau eine unglaublich zarte Geschichte, die einige Zeit braucht um ihre Flügel zu entfalten, aber die niemals langweilig wird. Man weiß überhaupt nicht, was einen erwartet und dennoch kann man ganz leicht in die Geschichte eintauchen und allem beiwohnen, was die Charaktere durchleben. Hinweise auf das "große Geheimnis" gibt es genug, aber wir können es erst spät erkennen, weil es so etwas bisher noch nicht gegeben hat. Zudem gibt es immer wieder Überraschungsmomente und die Geschichte schlägt eine ganz andere Richtung ein, als ich es zu Beginn erwartet hätte.

Das Cover gefällt mir wirklich sehr. Erst nach dem Beenden des Buches merkt man, wie aussagekräftig es eigentlich ist. Und dennoch hat es schon vor dem Lesen des ersten Satzes einen gewissen Reiz. Die Gegensätze der Farben machen es unglaublich interessant. Außerdem mag ich rosa total gerne ;) Der Titel ist auf künstlerischer Ebene wunderschön gestaltet: Die geraden und festgelegten Linien bilden wohl einen sicheren Rahmen, aber die lockere Art des Ausmalens zeigt, dass man diese Grenzen auch überwinden kann.
Der Titel gefällt mir sehr gut. Er ist nicht so platt wie bei anderen Büchern, bei denen er nur einen Gegenstand oder eine Tatsache beschreibt. Hier wird eine metaphorische Wirkung hervorgerufen, die zum Träumen einlädt!

Noa ist eigentlich ein ganz normales Mädchen. Bis sie in die U-Bahn steigt. Eine Stimme sagte ihr, dass sie nicht hätte einsteigen sollen, doch es ist zu spät. Die U-Bahn entgleist und Noa wird von einem jungen Mann mit blondem Haar vor schlimmeren Verletzungen gerettet. Als sie sich bei ihm bedanken möchte, gerät sie in eine Kette von Verwicklungen, mit denen sie eigentlich überhaupt nichts zu tun hat. Sie war nur zur falschen Zeit am falschen Ort - und findet sich als Entführungsopfer in einem fremden Haus wieder. Doch es stellt sich heraus, dass ihre Entführer keine Verbrecher sind, sondern einer fremden und viel höheren Macht angehören. Dazu zählt auch Marlon, dem sich Noa nicht mehr entziehen kann. Aber er ist an ein Schicksal gebunden, welches sie für immer trennen könnte...

Die Einleitung in die Geschichte ist wirklich sehr gut gelungen. Man ist sofort in einer spannenden Szene gefangen, obwohl diese für jeden zum Alltag gehören könnte (hoffentlich aber nicht wird). Das Einzige, was darauf hindeutet, dass sich etwas Übernatürliches abspielt, ist die warnende Stimme, die Noa in ihrem Kopf hört. Man erfährt einiges über ihr Leben und man könnte glauben, dass es sich um eine normale "Lebensgeschichte" handeln könnte. Doch schon kurz darauf finden wir uns in der nächsten packenden Szene wieder, als sich Noa bei ihrem Retter bedanken will, der ungewöhnlicherweise aus dem Krankenhaus über das Fenster im dritten Stock verschwunden ist. Und auch hier hat man noch keinen blassen Schimmer davon, dass es fremde Mächte mitten unter uns geben könnte. Noa erfährt erst davon, als sie entführt wird. Doch was heißt erfahren? Es ist erst einmal ein langes Rätselraten angesagt, denn ihre Entführer glauben, dass sie auf der Seite des blonden Jungen steht, dabei hat sie überhaupt keine Ahnung, worum es in diesem Streit geht.

Es ist generell sehr interessant, wie die ersten Kapitel der Geschichte verlaufen. Sie weisen noch in keine bestimmte Richtung, sodass jeder Leser einen ziemlich großen Interpretationsspielraum hat. Ich war zunächst auch auf dem Holzweg - und das ganze zwei Mal! Zunächst phantasiert Noa's beste Freundi Rosalia darüber, dass der blonde Junge womöglich ein Schutzengel ist. Diese Vorstellung wäre anhand der Gegebenheiten und der Art der Handlungsabläufe zwar sehr plump und nicht gerade würdevoll aufgefasst, aber ich hatte durchaus die Möglichkeit in meinem Kopf, dass es bei einer Geschichte namens Himmelsfern auch um Schutzengel gehen könnte. Dabei habe ich sogar angenommen, dass sich zwischen Noa und ihrem Retter, der übrigens Olivier heißt, eine Liebe entwickeln würde.
Leider wurde diese Vorstellung mit lauten Kanonen in den Wind geblasen. Als sich Noa bei ihm bedanken will und plötzlich ihre Entführer auftauchen, rennt Olivier einfach weg und lässt Noa zurück. Dabei wusste er genau, dass sie nichts damit zutun hatte und die anderen sie für eine Komplizin halten würden.

Umso spannender fand ich es dann, als Marlon aufgetaucht ist - einer von Noa's Entführern. Mit ihm als potenziellen Liebhaber hätte ich nun ganz und gar nicht gerechnet. Und ich muss zugeben: Ich mag es! Wir wurden durch diese Tatsache überrascht und das macht die Geschichte auch so reizvoll. Ständig scheint sich die Geschichte in eine andere Richtung zu wenden und es tun sich neue Türen auf, durch die man hindurchrennen möchte, um die Geheimnisse zu erfahren, die sie verbergen. Aber immer wenn man kurz davor ist, werden einem die Türen buchstäblich vor der Nase zugeknallt. So muss es Noa wirklich ergangen sein. Marlon und sein Bruder Corbin machen ein sehr großes Geheimnis aus der ganzen Geschichte und genauso wie Noa war ich manchmal am Rande der Verzweiflung und hätte ihnen am Liebsten in den Hintern getreten. Jede noch so winzig kleine Information muss man ihnen stundenlang aus der Nase ziehen und eigentlich tun sich danach immer mehr Fragen auf.
Noa und Marlon nähern sich aber langsam einander an. Marlon lässt sich auf sie ein, auch wenn er der Meinung ist, dass sie wegen seinem Schicksal nicht lange miteinander glücklich werden könnten und Noa nur traurig zurückbliebe.

Und auch in diesem Buch sieht man wieder einmal, dass man sich nicht nur auf die Liebe fixieren sollte, so schön sie auch sein mag. Plötzlich dreht sich alles nur noch um Marlon (auch wenn ich das gar nicht so schlecht finde ;)). Noa's Freunde bleiben ganz schön auf der Strecke. Und sogar mit ihrem Vater redet sie nicht mehr so viel. Wenn Marlon nicht da ist, wirkt Noa sehr verändert und isoliert. Und das ist eigentlich auch das Problem an der Sache. Marlon gibt ihr nicht umsonst zu verstehen, dass sie nicht lange zusammenbleiben können. Schon in zwei Wochen muss er fort und was macht Noa dann? Sich in ihrem Zimmer einschließen und in Selbstmitleid ertrinken?
Deshalb haben diese Geschichten auch immer eine gute Lehre zu erteilen, auch wenn diese natürlich nicht vorrangig an den Leser gebracht werden soll - aber mir ist es aufgefallen. Auch wenn man mit jeder Hautschuppe, mit jeder Pore und jeder Haarspitze verliebt ist, sollte man das "andere" Leben nicht vergessen. Denn sobald man von der rosa Wolke herunterfällt, ist vielleicht niemand mehr da um einen aufzufangen.

Noa als Charakter hat mir sehr gut gefallen. Sie ist ein normales Mädchen und doch hat sie interessante Ansichten und lebt ihren eigenen Stil. Beispielsweise ist mir gleich ihr Hobby ins Auge gestochen: Poi schwingen. Es ist sehr ungewöhnlich, aber macht sie gleich zu etwas Besonderem. Obwohl sie und auch alle anderen Nachbarskinder von einem bulligen Jungen schikaniert werden, lässt sie das kalt. Wenn er einen doofen Spruch ablässt, prallt dieser an ihr ab. Sie lässt sich nicht von anderen in dieser Weise beeindrucken oder einschüchtern und das ist eine bewundernswerte Eigenschaft.
Marlon mochte ich wirklich sehr, auch wenn seine Abweisung manchmal wirklich zum Verrücktwerden ist. Er will Noa auf keinen Fall in sein Schicksal mit einbinden, kann sich ihr aber auch nicht entziehen. Diese Verbindung hat er noch nie zu einem anderen Menschen gefühlt und er hat Angst davor. Dabei begreift er nicht, dass Noa seit dem Tag ihrer Entführung mit drinsteckt. Deshalb verstehe ich nicht, warum er ihr nicht viel früher von sich und seinem Volk berichtet hat.

Himmelsfern ist ein wunderbarer Roman, der unsere Gedanken in verschiedene Richtungen lenkt, um dann trotzdem ganz neue Wege einzuschlagen. Immer wieder gibt es spannende Szenen und brenzlige Situationen, aber dennoch ist die Geschichte dauerhaft mit einer Zärtlichkeit umgeben, die man nur schwer beschreiben kann. Sie geht einfach direkt ins Herz und man fühlt die ganze Zeit mit. Jennifer Benkau ist mit diesem in acht Wochen(!) geschriebenen Roman ein wahres Herzstück gelungen, welches jeden Leser begeistert, der auch nur entfernt Geschichten mit Liebe und etwas Übernatürlichkeit mag.

5 Marshmallows


"Willst du ein Stück gehen?", fragte er nach ewigem Schweigen. Ich nickte. "Darf ich neben dir gehen?" Wieder nickte ich. (S.335)

~
Diese Szene ist so unglaublich toll! Marlon fühlt sich Noa gegenüber immer so schuldig und mit diesen zwei Sätzen hat er mich direkt ins Herz getroffen, weil er nicht glaubt, dass er gut genug für Noa ist <333
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1 Kommentar:

  1. Oh Wahnsinn, meine Wunschliste hat soeben Zuwachs bekommen *-*
    Schöne Rezi, erstaunlich, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man einen Roman (der auch noch so gut ist!) in nur acht wochen schreiben kann! O.o

    Danke für deinen lieben Kommentar :3 Das Bild von dem Kuchen ist noch vom Juli, aber irgendwie fand ich es passend ;)

    Liebe Grüße
    Rubin:)

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