Sonntag, 27. Oktober 2013

[Rezension] Erebos (Ursula Poznanski)

Titel: Erebos
Autorin: Ursula Poznanski
Einzelband / Jubiläumsausgabe
Verlag: Loewe
Seiten: 490
Genre: Jugendthriller
Preis: 7,95€

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Klappentext:
Erebos ist ein Spiel,
Es beobachtet dich,
es spricht mit dir,
es belohnt dich,
es prüft dich,
es droht dir.

Erebos hat ein Ziel: Es will töten.
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Es beginnt immer nachts.

Erebos ist ein Jugendthriller, der so authentisch ist und uns in seinen Bann zieht, sodass wir uns durchaus selbst in dieser Situation wiederfinden könnten. Obwohl diese Idee für unsere Realität doch recht absurd ist, kann man sich nicht mehr losreißen und fühlt mit den Charakteren, die in der Welt von Erebos gefangen sind.  Außerdem kommt noch hinzu, dass dieses Spiel so echt wirkt, dass man schon im wirklichen Leben einen gewissen Verfolgungswahn entwickelt.

Das Cover gefällt mir sehr gut. Natürlich handelt es sich hierbei um die Jubiläumsausgabe, aber der Kern der originalen Gestaltung ist weiterhin vorhanden. Das Auge ist farblich passend zum Spiel Erebos gestaltet, nämlich schwarz und rot. Es vermittelt auch gleich eine unangenehme Atmosphäre, denn das Auge beobachtet dich, egal wann und wo.
Der Titel passt auch wunderbar. Es wird nicht zu viel verraten und es ist sogar eine Doppeldeutigkeit vorhanden.

Seit ein paar Tagen geht etwas in der Schule um. Die Stimmung unter den Schülern verändert sich und als einer von Nicks besten Freunden betroffen ist und sich ab diesem Moment seltsam verhält, beschließ er, dieser Sache auf den Grund zu gehen. Und schon bald kommt er zu des Rätsels Lösung: Es handelt sich um ein Computerspiel namens Erebos. Nick erhält es von seiner Mitschülerin Brynne. Als er es zum ersten Mal spielt, wird er in eine Welt hineingezogen, die er nur mit Mühe wieder verlassen kann. Allerdings macht das Spiel einen solchen Spaß, dass er gar nicht mehr damit aufhören will. Jedoch gibt es Regeln in Erebos und auch um das Spiel. Langsam vermischen sich die Grenzen zwischen Realität und Virtualität und Nick und auch seine Mitschüler können sich nicht mehr aus dem Bann des Spiels befreien...

Obwohl der Klappentext nur sehr kurz ist, hat er mich unglaublich neugierig auf die Geschichte um Erebos gemacht. Und ich war mehr als überrascht, dass mich eine Geschichte um ein Computerspiel so dermaßen mitreißen konnte. Und lasst euch eines gesagt sein: Der Klappentext ist noch viel zu harmlos für das, was uns im Buch erwartet. Man steigt sofort in die Geschichte ein, da sich mehrere Mitschüler unseres Protagonisten Nick seltsam verhalten und kaum noch zur Schule kommen. Zudem fällt ihm auf, dass wohl mit Raubkopien oder Ähnlichem gedealt wird, denn heimlich werden kleine DVD-Rohlinge unter den Schüler ausgetauscht. Da auch Nicks bester Freund Collin davon betroffen ist, will er dem auf den Grund gehen. Doch er wird davon ausgeschlossen. Es ist wie eine kleine Sekte - die Elite, die ein Geheimnis hat und den anderen nichts davon sagen möchte. Und doch kommt Nick ein paar Tage später der Zufall zu Hilfe: Brynne gibt ihm eine Kopie eines Spiels und macht ihn mit den Regeln vertraut: Man braucht einen eigenen Computer. Man darf das Spiel nur alleine spielen. Man darf mit niemandem außerhalb der Spielwelt darüber sprechen.

Ehrlich gesagt, war es bis dahin nicht unbedingt unheimlich. Jedoch ist es schon ein seltsames Gefühl, wenn etwas so Geheimes die Runde macht. Normalerweise gibt es immer jemanden, der etwas ausplaudert, auch wenn es nur Details sind. Und obwohl so viele Schüler dieses Spiel spielen, halten alle dicht. Absolut nichts dringt an die Öffentlichkeit und das macht es so attraktiv für jeden. Natürlich bemerkt jeder, dass irgendetwas im Busch ist und um zu wissen, was es ist, würde man fast alles machen.
Nick ist fest davon überzeugt, nur einen kurzen Blick auf das Spiel zu werfen, um die anderen und deren Verhalten besser zu verstehen. Aber schon das Einlegen der DVD bringt eine Welle von Ereignissen ins Rollen, die einfach nur total unheimlich sind.

Erebos ist eine ausgedachte Welt, in der es allerlei Wälder, Städte und Völker gibt. Zu Beginn ist man als Spieler allein und ein Namenloser. Man muss sich einen Weg durch den Wald bahnen bis man auf den Toten Mann trifft. Er sitzt an einem Feuer und spricht eine Warnung aus. An diesem Punkt kann der Spieler einfach aufhören und wird nichts mehr mit Erebos zutun haben. Allerdings ist bis dahin noch nichts passiert und es ist ja wohl klar, dass jeder weitermachen möchte. Ich selbst bin nicht sehr geschickt, wenn es um Rollenspiele mit Kämpfen geht, deshalb mag ich sie auch nicht so, aber dennoch wäre auch ich weitergegangen und hätte den toten Mann stehen lassen. 
Wenn man sich entschieden hat, weiterzumachen, muss man einen Turm finden, um seine Spielfigur charakteristisch zu machen und Fähigkeiten auszusuchen. Hier muss man auch seinen Namen verraten. Und zwar seinen richtigen. In diesem Moment hat sich ein ganz mulmiges Gefühl in mir breitgemacht, denn man begegnet zum ersten Mal dem Boten. Er ist sozusagen die führende Figur in Erebos. Er erteilt Aufträge an die Spieler und verteilt auch Belohnungen nach Kämpfen. Mit seinen gelben Augen und knöchernen Händen ist er ein absolut unheimlicher Geselle. Viel schlimmer daran ist aber eigentlich, dass er die wahren Namen der Spieler erfährt - als einziger in dieser Welt. Denn man darf innerhalb von Erebos seinen wahren Namen nicht nennen und außerhalb in der Realität nicht seinen Spielernamen. Wer gegen die Regeln verstößt, wird aus dem Spiel verbannt. Und da genau das niemand möchte, wird Stillschweigen bewahrt.

Aber genau dieses Stillschweigen macht Erebos so gefährlich. Für die Spieler bleibt es ein schönes Spiel in einer fremden Welt. Jeder Mensch ist ehrgeizig und niemand kann mir erzählen, dass er nicht stundenlang vor dem Computer sitzen würde, um seine Figur stärker zu machen, als die der anderen. Und genau wegen solcher süchtigmachenden Spiele verliert man den Faden zur Realität.
Die Autorin hat die Welt von Erebos so real werden lassen, indem sie uns wirklich darin hineinzieht. Während Nick spielt, sind wir sozusagen nicht mehr an Nicks Seite, sondern an der von Sarius, seiner Spielfigur. Es ist, als würden wir neben Sarius durch diese Welt spazieren und alles hautnah miterleben. Die Gespräche zwischen den Spielern finden natürlich schriftlich statt, aber dennoch ist das Gefühl so real, dass man gar nicht so Augen hat, dass Sarius eigentlich von Nick und der Tastatur gesteuert wird und die Gespräche nur schriftlich ablaufen.
Allerdings ist es bis dahin ja noch ein ganz normales Rollenspiel. Der Clue dabei sind die Aufträge... Wenn man im Kampf alles gegeben hat und sehr schwer verletzt worden ist, nimmt einen der Bote mit. Man erhält einen Auftrag und wenn man diesen erledigt hat, steigt man einen Level weiter auf.

Gruselig daran ist aber, dass die Aufträge in der wirklichen Welt - der Realität in London - auszuführen sind. Bis diese erledigt sind, wird man aus dem Spiel ausgeschlossen. Der Bildschirm ist einfach schwarz und man kann das Spiel nicht mehr öffnen. Wozu diese Aufträge dienen, weiß niemand. Und doch befolgt jeder die Anweisungen. Das ist wirklich sehr beunruhigend. Wenn die Grenzen zwischen der wirklichen Welt und dem Spiel erst einmal verschwommen sind, würde man in der Realität wohl alles tun, um im Spiel weiterzukommen. Die echten Konsequenzen sind einem dabei nach einer Weile gar nicht mehr so bewusst. Und so geschehen merkwürdige Dinge... Wenn es sich nur um banale Dinge handeln würde, von mir aus. Aber bald geht es so weit, dass Mitschüler verletzt werden und die Feinde von Erebos eliminiert werden müssen. Ab da hört der Spaß nun wirklich auf. Aber wer kennt das nicht? Wenn man ein Spiel spielt und total begeistert davon ist und stundenlang daran hängt, wie kann man sich losreißen? Zudem sind die ganzen Zusammenhänge so unheimlich, dass man sich gar nicht von Erebos losreißen kann. Man hat Angst, dass das Spiel und der Bote einem noch nach dem Löschen oder Ausscheiden des Spiels auflauern würden. Wobei dies natürlich völliger Quatsch ist, aber genau dieser Eindruck wird vermittelt. Und das macht diese Geschichte so unglaublich fesselnd. Man weiß nicht, wie weit Erebos geht. Man weiß nicht, wie weit die Spieler im echten Leben gehen. Sie schließen Nichtspieler immerhin schon aus und gnade dem, der auch nur ein Wort gegen dieses Spiel sagt...

Ich möchte nicht, dass diese Rezension den Eindruck vermittelt, dass Computerspiele süchtig und psychisch krank machen. Das auf keinen Fall, obwohl es natürlich passieren kann. Man sieht nur sehr gut, wie sehr man sich von der Realität abkapselt. In Erebos ist man in einer anderen Umgebung und kann sein, wer man will. Das gibt manchen Menschen ein Selbstvertrauen und Mut, den sie im echten Leben so gar nicht haben. Allerdings zeigt dieses Spiel auch, dass man seine ganze Energie da hineinstecken kann und somit nur noch in der Realität vor sich hin lebt... Bei Nick sieht man das deutlich. Er spricht kaum noch mit seinen Eltern. Mit seinen Freunden kann er nicht mehr sprechen, weil das einzige Thema Erebos wäre und dies verboten ist. Er kann die wenigen Stunden Schlaf, die er nur noch bekommt, nicht einmal in Ruhe verbringen, weil sich seine Gedanken um die Aufträge und Quests in Erebos drehen. Denn das Spiel läuft natürlich weiter - mit oder ohne einen. Nick sitzt nur noch daheim am Schreibtisch und gibt vor, eine wichtige und schwere Chemie-Hausarbeit zu schreiben, die er jedoch am Tag vor der Abgabe nur schnell aus einem Buch in der Schulbücherei abschreibt. Er ist so süchtig nach dem Spiel, dass er am Liebsten weder Essen, Schlafen noch Atmen würde, solange er dabei sein kann. Wenn er Aufträge zu erfüllen hat, wird er schon fast aggressiv, da er bis zur Erfüllung ausgeschlossen ist.

Das Buch ist wirklich bemerkenswert geschrieben. Es gaukelt uns zwei Wirklichkeiten vor. Jedoch passieren im echten Leben schlimme Dinge mit echten Konsequenzen, die den Spielern nicht bewusst sind, da sie nur noch für Erebos und ihre Figuren leben. Zum Einen dreht sich die Geschichte über die Gefahr von Computerspielen, zum Anderen hat es eine sehr unheimliche Aura, weil das Spiel selbstständig zu leben scheint. Das Buch hat mir sehr gut gefallen und manchmal hatte ich schon so meine kleinen Horrormomente, in denen ich mich abends umgeschaut habe, nicht dass der Bote um die Ecke kommt...

Erebos ist ein unheimlicher Jugendthriller, bei man das Suchtpotenzial von Computerspielen erkennt, aber auch wozu Menschen fähig sind, wenn sie in einer anderen Realität leben und in dieser weiterkommen wollen.

5 Marshmallows

Mit jedem neuen Tag verliert meine Realität an Wert. (S.223)

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